Stichtag: 18. Oktober 1952 - Eröffnung des Stadtarchivs

Das Archiv der Stadt Wesel, eines der bedeutendsten Archive des Rheinlandes, wurde 1876 als Depositum an das Hauptstaatsarchiv Düsseldorf abgegeben. Drei Jahre hatten sich die Stadtverordneten den Wünschen des Hauptstaatsarchivs widersetzt und eine Ablieferung des Altarchivs abgelehnt. In Düsseldorf wurden die Bestände nicht nur wissenschaftlich benutzt, sondern auch der umfangreiche Urkundenbestand verzeichnet.

In den 1930er Jahren versuchte die Stadt Wesel, allen voran der Gymnasiallehrer, Leiter des Niederrheinischen Museums für Orts- und Heimatkunde und spätere Stadtarchivar Adolf Langhans, das Depositum nach Wesel zurückzuholen. Gegen den Widerstand des zuständigen Ministeriums sowie des Staatsarchives erreichte die Stadt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die unentgeltliche Herausgabe der in Düsseldorf aufbewahrten Bestände; die wertvollsten Archivalien mitsamt allen Urkunden blieben jedoch vorerst im Staatsarchiv. Die Stadt brachte die 1943 nach Wesel zurückgeführten Akten in dem unteren Stockwerk des Herzogsschlosses, das auch das genannte Museum beherbergte, unter und lagerte sie Ende 1944 - entgegen den Wünschen des Staatsarchives - in eine Kasematte des Haupttorgebäudes der ehemaligen Zitadelle aus. Trotz Bombardierung, Artilleriebeschuss und erheblicher Zerstörungen des Haupttorgebäudes gab es wohl keine Verluste. Erst nach der Einnahme Wesels durch die Alliierten kam es zu geringeren Verlusten (unter fünf Prozent) und Beschädigungen durch Plünderungen von Zwangsarbeitern und durch gewöhnlichen Diebstahl. Gesichert wurden die Akten daraufhin im Keller der Schule an der Blücherstraße. Die für die Bergung von Kulturgütern zuständige Behörde lagerte sie ab Ende August 1945 nach Düsseldorf, dann in Ehrenbreitstein und von dort 1949 nach Schloss Gymnich in das Zentraldepot der Archivverwaltung aus.

Sämtliche Urkunden, die ältesten Handschriften, Amtsbücher und Akten sowie die Findbücher wurden allerdings 1943 nicht übergeben, sondern mussten auf Verlangen der Provinz ausgelagert werden. In 16 Kisten verpackt, wurden sie zusammen mit anderem Archivgut aus dem Kreis Rees Ende 1944 in ein Salzbergwerk bei Volpriehausen, Kreis Northeim, transportiert. Dort öffneten und plünderten kurz nach Kriegsende Zwangsarbeiter die Kisten, ehe im Juni 1945 eine Explosion ihren Inhalt zum größten Teil vernichtete. Gerettet wurden bei der Bergung 1946 lediglich einige durch Ruß, Staub und Tränengas verunreinigte und beschädigte Handschriften sowie 283 städtische und rund 150 Stiftungsurkunden, ebenfalls verschmutzt und durch Hitze beschädigt. Der Verlust an Urkunden betrug etwa 80 Prozent!

Da das Depot in Gymnich geräumt werden musste, übernahm die Stadt Wesel 1952 wieder ihr Archivgut. Die Stadt hatte ab dem 30. Januar 1952 den ersten Bauabschnitt des Mathena-Rathauses bezogen und richtete im Keller einen Raum für das am 16. Juni zurückgekehrte Archivgut ein. Dieses musste im spartanisch mit rohen Holzregalen eingerichteten Archiv erst einmal sortiert und in die Regale geräumt werden. Die Arbeiten waren im Oktober beendet, so dass die Stadt am 18. Oktober 1952, einem Samstag, zur feierlichen Öffnung des Weseler Stadtarchivs einlud, an dem von Seiten der Stadt Stadtdirektor Dr. Karl Heinz Reuber und der ehrenamtliche Stadtarchivar Adolf Langhans teilnahmen. Erstmals konnte der wertvolle Bestand in Wesel selbst eingesehen werden. Allerdings fehlten noch die Urkunden, die im Landesarchiv in Düsseldorf restauriert und verzeichnet wurden. Moderne Findmittel waren auch nicht vorhanden, so dass eine Benutzung nur über die handgeschriebenen Duden'schen Repertorien des späten 18. Jahrhunderts möglich war.

Feierliche Eröffnung des Stadtarchivs: (v.l.) Dr. Carl Wilkes, Adolf Langhans, Dr. Wilhelm Classen, Dr. Karl Heinz Reuber

Zur Öffnung des Archivs anwesend waren auch der neue Leiter der Archivberatungsstelle im Landesteil Nordrhein, Dr. Carl Wilkes, sowie Ministerialrat Dr. Wilhelm Classen, der als Ministerialreferent im Kultusministerium für das Archivwesen zuständig war. Beide waren durch ihre Arbeiten dem Niederrhein sehr verbunden. Classen war Weselaner, dem es nicht vergönnt war, sich nach seiner Pensionierung intensiv der Weseler Geschichte zuzuwenden. Beider Anwesenheit machte deutlich, um welch wichtiges Archiv es sich in Wesel handelte.

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