Stichtag: April 1613 - Eröffnung des Gymnasiums

Das Flaggschiff des heimischen Schulwesens, die Jahrhunderte alte Stadtschule, eröffnete im April 1613 an einem neuen Standort als Gymnasium seine Pforten.

Die Stadtschule in der Niederstraße, die seit 1545 als „schola christiana et reformata" geführt wurde, trug der neuen evangelischen Religion Rechnung und schaffte es auch, gute Rektoren und Lehrer zu verpflichten. Sie vermochte es wegen geringer Schülerzahlen aber kaum, die beiden obersten der acht Klassen zu unterhalten. De facto konnten Schüler nicht von Wesel direkt an eine Universität wechseln. Der Zustand der Schule verschlechterte sich trotz des ab 1584 tätigen Rektors Johannes Brant, was nicht nur an den Lehrern lag, sondern auch den politisch unruhigen Zeiten geschuldet war. Angesichts der Gefährdung durch durchziehende niederländische und spanische Truppen konnte man keine guten Lehrer anwerben. Daneben gab es unerwünschte Konkurrenz durch die Jesuiten in Emmerich, die dort 1592 ein Gymnasium einrichteten und im Sinne der Gegenreformation für ihre Institution warben. Im Jahre 1611 gelangte der Weseler Rat zu dem Entschluss, dass es besser sei, die alte Schule aufzulösen, die Lehrer zu entlassen und eine neue Schule zu gründen, die die Schüler auch zum Besuch einer Universität befähigt. Der alte Rektor Brant und der ihm zur Seite gestellte ehemalige Prediger Jodocus Willich wurden aufgefordert, einen Vorschlag für einen Neuanfang auszuarbeiten.

Die Gründung eines Gymnasiums illustre, einer akademischen Lehranstalt verwarf man schnell. Stattdessen einigte sich der Rat auf die Gründung eines Gymnasiums und schuf die dafür notwendigen drei Voraussetzungen.

Man benötigte statt der kleinen Schule an der Niederstraße ein größeres Schulgebäude. Von einem Neubau sah man der Kosten wegen bald ab und beschloss, das Schwesternhaus Mariengarten in der Beguinenstraße auf der Mathena zur Schule umzugestalten. In ihm war seit 1599 das Waisenhaus untergebracht, das 1612 in einem leeren Beginenhaus in der Brüderstraße umgesiedelt wurde. Die noch lebende letzte Schwester verblieb bis zu ihrem Tod 1622 auf dem Gelände. Die Schule an der Niederstraße wurde fortan als reformierte Elementarschule für die Altstadt genutzt.

Das Auditorium des Gymnasiums im ehemaligen Haupthaus des Schwesternhauses Mariengarten

Auch die benötigte ordentliche finanzielle Ausstattung belastete nicht die Stadtkasse. Dem Schulfonds wurden unterschiedliche Stiftungsmittel, über die der Magistrat verfügte, zugewiesen. Neben dem erheblichen Vermögen des Schwesternhauses sicherten die Einkünfte zahlreicher Bruderschaften sowie der größere Teil der Vikarien-Einkünfte, aus dem u.a. die Prediger, Stipendiaten, Bücher etc. bezahlt worden waren, die Schule finanziell ab. Die Bezahlung der Lehrer erfolgte jetzt aus dem Fonds, die der Prediger von nun an durch die Stadtkasse.

Schwieriger war es, geeignete Lehrer für die neue Anstalt zu gewinnen. Der Magistrat hatte sich dazu mit den Predigern beraten und eine Liste tauglicher Kandidaten erstellt. Von den Umworbenen sagten nicht alle zu. Die alten Lehrer wurde allesamt entlassen; der pensionierte Rektor Johannes Brant sowie der Konrektor Valentin Hackenberg wurden wiedereingestellt, dazu kam Ostern 1613 der neue Heinrich Crantz sowie Georg Snabel und Heinrich Stromberg. Neben Brant gewann man den Weseler Bürger Dr. Eberhard zum Hawe als außerordentlichen Professor; namhafte Weseler wie Egbert Grim oder Hermannus Ewichius sollten später folgen.

Der Unterricht konnte zu Ostern 1613 aufgenommen werden. Wann genau das war, ist leider nicht überliefert. Ostern fiel auf den 7. April; wahrscheinlich begann der Unterricht aber erst in der darauffolgenden Woche, also am 15. April.

Die Einrichtung des Gymnasiums fiel in eine schwere Zeit. Im September 1614 nahmen spanische Truppen die Stadt ein und blieben 15 Jahre. Die Schule litt unter Einquartierungen, dem Ausbleiben auswärtiger Schüler sowie der spanischen Rekatholisierung und stand 1627 kurz vor dem Aus, als Jesuiten die Gebäude des alten Schwesternhauses als Residenz okkupierten und die Prämonstratenser den Fonds des Gymnasiums komplett für die katholische Kirche einforderten. Infolge der niederländischen Eroberung von 1629 kam es nicht mehr zu einer Herausgabe des Fonds an die Spanier. Stattdessen gab es nun endlich den gewünschten erfolgreichen Neubeginn. Das Gymnasium Wesel wurde eine weithin geachtete Lehranstalt, die noch heute unter dem Namen ihres wohl bekanntesten Schülers - Konrad Duden - besteht.

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