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Herr Roelen

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Stadt Wesel
An der Zitadelle 2
46483 Wesel

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Aus der Geschichte des Stadtarchivs

Bis in das Jahr der Stadterhebung, 1241, reicht das in Wesel, der einstmals größten und bedeutendsten Stadt des Herzogtums Kleve, im städtischen Archiv aufbewahrte Schriftgut zurück. Aus den ersten achtzig Jahren der Stadt sind nur Urkunden auf uns gekommen. Die älteste Handschrift wurde 1322 angelegt, die älteste Stadtrechnung stammt heute aus dem Jahre 1349; bis 1945 waren noch die Jahrgänge 1342-1348 vorhanden. Amtsbücher wie die Stadtrechnungen, die Ratsprotokolle, Briefbücher und Stiftungsrechnungen sowie Sammlungen von Privilegien und Verordnungen (Plebisziten) bildeten den überwiegenden Bestand des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Akten gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Im 15. und vielleicht sogar schon im 14. Jahrhundert lagerte städtisches Schriftgut im Dominikanerkloster; eine Archivierung im ersten Rathausbau (1386-1456) ist denkbar, aber nicht nachzuweisen. Wo die cista opidi vorher sichergestellt war, ist nicht immer zu erkennen. Untergebracht war das Archiv spätestens seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Rathaus. Das spätgotische Rathaus (1456-1945) mit seinen beiden Anbauten beherbergte das Archive der Stadt und das der im Rathaus untergebrachten Gerichte. Der zweite Anbau, für den die Stadt 1590 ein am Fischmarkt gelegenes und mit seiner Westseite an das Rathaus angrenzendes Haus ankaufte, diente ausdrücklich der Unterbringung des Archivs. Auf diesen Gebäudeteil bezieht sich auch das erste Repertorium des Weseler Archivs, das 1644 das archivierte, räumlich systematisierte Schriftgut erfaßte. Danach verteilte sich das Achiv über zwei Etagen und reichte möglicherweise - längs durch die beiden Anbauten - vom Großen Markt bis zum Fischmarkt.

Erstmals verzeichnet wurde das Archivgut in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Bürgermeister Dr. Anthon ter Smitten, der Schöffe Dr. Dietrich von der Brüggen und der Stadtsekretär Dr. Johann von Raesfeld (1637-1652) benötigten nach eigener Aussage etliche Jahre, um die Archivregistratur in Ordnung zu bringen. Das dabei erstellte Findbuch präsentierten die drei am 10. Oktober 1644 dem Rat. Erfaßt wurden darin alle im Archiv deponierten Akten ausschließlich der wichtigsten Urkunden, für die erst circa 40 Jahre später ein eigenes Verzeichnis angelegt wurde. Neben den städtischen Amtsbüchern und Akten verzeichnete man auch die Unterlagen der von der Stadt verwalteten bzw. beaufsichtigten Kirchen-, Schul- und Armenstiftungen - in der Mehrzahl handelte es sich dabei um Rechnungen - sowie das Schriftgut der ebenfalls im Rathaus residierenden Gerichte. Das Findbuch war so angelegt, daß genügend Platz für eine Fortschreibung vorhanden war. Nachgetragen wurden allerdings nur die drei folgenden Jahre, obwohl die Verträge mit den Stadtsekretären ausdrücklich zur ordentlichen Archivierung verpflichteten. In den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts wurde der Bestand noch einmal in einen ordentlichen Zustand versetzt, wofür der damit beauftragte Gehilfe des Stadtsekretärs nach eigenen Angaben zwei Jahre benötigte. Wie das Archiv danach geführt wurde, lassen gut ein halbes Jahrhundert später Klagen über die Unordnung im Archiv erahnen. Die besonders während der Zeit des Stadtsekretärs Dr. Jodocus Becker (1709-1753) augenfälligen Mißstände mußten seine Nachfolger bereinigen. Wilhelm Daniel Cramer (1753-1759) erhielt gleich zu Beginn seiner Tätigkeit von der Kammer in Kleve den Befehl, zumindest die laufende Registratur innerhalb von drei Monaten in einen ordentlichen Zustand zu versetzen und ein entsprechendes Repertorium anzufertigen. Cramer kam der Anordnung wohl nach, wenn auch nicht in der gewünschten Zeit. Das Archiv selbst jedoch befand sich weiterhin in Unordnung, so daß seit 1774 die Sekretäre Friedrich Wilhelm Gantesweiler (1760-1783) und Conrad Duden (1783-1792) angehalten waren, die alten Bestände zu ordnen und die Loseblattsammlungen zu heften oder binden. Die eigens dazu ausgelobten 100 Reichstaler wurden 1793 an Conrad Duden, mittlerweile Bürgermeister in Wesel, ausgezahlt. Das neue, 1791 fertiggestellte zweiteilige Repertorium der Magistratsregistratur umfaßte alle Bestände des historischen Archivs, d.h. die heutigen Bestände A 1, A 3 bis A 8, die Duisburger Intelligenzblätter (Z 2) sowie Teile der historischen Verwaltungsbibliothek (X 2). Der erste Teil enthält die Aktenbestände (A 1), der andere Teil Ratsprotokolle, Edikte, diverse Rechnungen, Wochenbücher, Belege und Konzepte, Gerichtsprotokolle sowie die Intelligenzblätter. Ein zweites, 1792 von Duden vorgelegtes Repertorium erfaßt in drei Teilen die Kirchen-, Schul- und Stiftungsregistratur, also die heutigen Bestände A 2, A 11 bis A 12 sowie die Reste der Stiftungsurkunden (U 2.1, U 2.3 bis U 2.5); unterteilt war das Verzeichnis in Akten, Dokumente und Briefschaften sowie Rechnungen und Belege.

Die im Rathaus befindlichen Gerichtsunterlagen mußten 1808 teilweise an das Staatsarchiv in Düsseldorf abgegeben werden. Das nicht dahin verbrachte Archivgut, vor allem Schöffenprotokolle und ähnliche Aufzeichnungen, wurden zusammen mit zahlreichen älteren Rechnungen, Konzepten und Belegen aus der Magistratsregistratur auf Befehl des Bürgermeisters und vormaligen Stadtsekretärs Matthias Daniel Christian Adolphi als Altpapier verkauft.

Ein weiterer Verlust an Urkunden und Akten resultierte aus der im Jahre 1853 erfolgten Abgabe an das Evangelische Kirchenarchiv Wesel. Die evangelische Gemeinde forderte und erhielt zahlreiche Archivalien aus den beiden großen Registraturen Magistrat und Stiftungen, darunter die Rechnungen der beiden Stadtkirchen Willibrord (1401-1794) und St. Antonius und Nikolaus auf der Mathena (1434-1807), mittelalterliche Kopiare und Einkünfteverzeichnisse sowie einige wenige Stiftungsbriefe betreffend die Mathenakirche. Das Gros der damals noch unverzeichneten und nur summarisch diversen Capseln zugeordneten Urkunden - nach späterer Zählung 143 Urkundennummern - verblieb allerdings bei der Stadt.

Im Jahre 1873 begannen Verhandlungen zwischen der Stadt Wesel und dem Staatsarchiv in Düsseldorf wegen der Übernahme des Historischen Archivs als Depositum. In Düsseldorf bestand durch den Neubau des Staatsarchives die Möglichkeit, Gemeindearchive sicher unterzubringen. Drei Jahre später beschlossen die Weseler Stadtverordneten, nachdem sie kurz zuvor das Ansinnen bereits abgelehnt hatten, das Altarchiv doch als Depositum nach Düsseldorf zu verbringen. Abtransportiert wurden die beiden großen Registraturen sowie die städtischen Urkunden. Da die Stadt allem Anschein nach soviel als möglich abgeben wollte, reichten die abgegebenen Bestände bis auf das Jahr 1870.

Während der Unterbringung in Düsseldorf konnte und wurde das Depositum Wesel wissenschaftlich genutzt. Zudem verzeichnete man um die Jahrhundertwende endlich den kompletten Urkundenbestand und löste dabei den zweiten Teil der Stiftungsregistratur (Dokumente und Briefschaften) zugunsten gesonderter Urkundenbestände aller Stiftungen auf. Danach umfaßten die städtischen Urkunden mehr als 540 Nummern bzw. Vorgänge und die der Stiftungen mehr als 1285 Vorgänge.

In den Dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts versuchte die Stadt Wesel, allen voran der Gymnasiallehrer, Leiter des Niederrheinischen Museums für Orts- und Heimatkunde und spätere Stadtarchivar Adolf Langhans, das Depositum nach Wesel zurückzuholen. Gegen den Widerstand des zuständigen Ministeriums sowie des Staatsarchives erreichte die Stadt zu Beginn des Zweiten Weltkrieges die unentgeltliche Herausgabe der in Düsseldorf aufbewahrten Bestände; die wertvollsten Archivalien mitsamt allen Urkunden blieben jedoch vorerst im Staatsarchiv. Die Stadt brachte die 1943 nach Wesel zurückgeführten Akten in dem unteren Stockwerk des Herzogsschlosses, das auch das genannte Museum beherbergte, unter und lagerte sie Ende 1944 - entgegen den Wünschen des Staatsarchives - in eine Kasematte des Haupttorgebäudes der ehemaligen Zitadelle aus. Trotz Bombardierung, Artilleriebeschuß und erheblicher Zerstörungen des Haupttorgebäudes gab es wohl keine Verluste. Erst nach der Einnahme Wesels durch die Allierten kam es zu geringeren Verlusten und Beschädigungen durch Plünderungen von Zwangsarbeitern. Gesichert wurden die Akten daraufhin im Keller der Schule an der Blücherstraße. Die für die Bergung von Kulturgütern zuständige Behörde lagerte sie ab Ende August 1945 nach Düsseldorf und von dort nach Schloß Gymnich in das Zentraldepot der Archivverwaltung aus.
Sämtliche Urkunden, die ältesten Handschriften, Amtsbücher und Akten sowie die Findbücher wurden allerdings 1943 nicht übergeben, sondern mußten auf Verlangen der Provinz ausgelagert werden. In 16 Kisten verpackt, wurden sie zusammen mit anderem Archivgut aus dem Kreis Rees Ende 1944 in ein Salzbergwerk bei Volpriehausen, Kreis Northeim, transportiert. Dort öffneten und plünderten kurz nach Kriegsende Zwangsarbeiter die Kisten, ehe im Juni 1945 eine Explosion ihren Inhalt zum größten Teil vernichtete. Gerettet wurden bei der Bergung 1946 lediglich einige durch Ruß, Staub und Tränengas verunreinigte und beschädigte Handschriften sowie 283 städtische und rund 150 Stiftungsurkunden, ebenfalls verschmutzt und durch Hitze beschädigt.

Raum zur Unterbringung des Archivs in Wesel konnte erst 1952 geschaffen werden; im ersten Bauabschnitt des neuen Rathauses am Mathenaplatz konnte dem Archiv ein großer Keller zur Verfügung gestellt werden. Am 16. Juni 1952 kehrten die ausgelagerten Archivalien von Schloß Gymnich nach Wesel zurück und wurden nach vollendeter Einräumung und Ordnung am 18. Oktober 1952 der Öffentlichkeit feierlich übergeben. Die Urkunden wurden erst zwei Jahre später, nach der Erstellung von Regesten durch die Archivberatungsstelle, zusammen mit einem neuen Findbuch zurückgebracht. Archivleiter wurde damals, nach dem Tod des ehrenamtlichen Stadtarchivars Adolf Langhans im Oktober 1953, der Bibliothekar Dr. Gerhard Metzmacher (1954-1963). Zu den vordringlichsten Aufgaben der beiden folgenden Jahrzehnte gehörten zum einen die Bestandsaufnahme samt Erstellung neuer Findmittel und zum anderen die Verbesserung der Unterbringung. Die Akten, Rechnungen und Protokolle der Magistrats- und der Stiftungsregistratur wurden von 1955-1959 durch die Archivberatungsstelle Rheinland auf der Basis der beiden Duden-Repertorien von 1791/92 erfaßt. Mit der Fertigstellung der Findmittel im Jahre 1962 endete die Aufnahme des heutigen Bestandes A.

Keinesfalls günstig war die Lagerung im Rathaus. Hohe Luftfeuchtigkeit und Wasserschäden durch Wolkenbrüche während der zweiten Bauphase des Rathauses schädigten die Akten und führten auf Dauer zu starkem Schimmelbefall. Die Zustände verbesserten sich nicht, als das Archiv 1971 nach dem Verkauf des Rathauses für mehr als drei Jahre provisorisch im Keller der Schule an der Rheinbabenstraße ziehen mußte. Durch den Umzug in den Magazinraum des neuen Rathauses am Klever-Tor-Platz änderten sich die klimatischen Verhältnisse lange Zeit allerdings auch nicht, da die Kellerräume zu warm und zu feucht waren.

Im Jahre 1969 begann die von der Archivberatungsstelle Rheinland durchgeführte Sicherheitsverfilmung. Die Hauptbestände des Archivs (Bestandsgruppen A, B, Teile von C, F, G und J sowie einige Zeitungen) wurden überwiegend in den Siebziger Jahren verfilmt. Stadtarchivar Heinz Kirchmann (1966-1981) konnte für die dafür notwendige Aufbereitung der Archivalien immerhin auf Hilfskräfte zurückgreifen. Ansonsten war er, wie seine beiden Vorgänger auch, bis 1975 auf sich allein gestellt. Während seiner Zeit verzeichnete das Archiv beträchtliche Zuwächse; so übernahm es nicht nur die Bestände und Unterlagen der Gemeinden Obrighoven-Lackhausen und Flüren sowie Büderich, Bislich, Diersfordt und Blumenkamp, die aufgrund der Gebietsreform in den Jahren 1969 und 1975 zu Wesel kamen, sondern auch die immer noch stattlichen Reste der Bibliothek des ältesten Weseler Gymnasiums mitsamt den Überresten der berühmten Heresbach-Bibliothek.

Mit Dr. Jutta Prieur-Pohl übernahm 1981 erstmals eine ausgebildete Archivarin die Leitung des Stadtarchivs. Neben der Verbesserung der Unterbringung, Systematisierung, Aufnahme und Verzeichnung aller Bestände sowie einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit gehört die Restaurierung der durch Feuchtigkeit und Schimmel angegriffenen Bestände sowie der ebenso geschädigten Gymnasialbibliothek seitdem zu den vordringlichsten archivalischen Aufgaben. Diese Arbeiten werden seit 1993 in einer eigenen großen Werkstatt durchgeführt, die in einer ehemaligen Kaserne der Zitadelle untergebracht ist und auch für andere Archive des unteren Niederrheins Aufträge ausführt.

Die noch vor dem Ersten Weltkrieg begründete historische Reihe Studien und Quellen zur Geschichte von Wesel wurde 1983 wiederbelebt; in ihr erscheint seitdem jährlich mindestens ein Band zur Geschichte des heutigen Stadtgebiets von Wesel. Die Findmittel des Stadtarchivs werden bei Bedarf in der 1984 eingeführten Reihe Repertorien der Stadt Wesel publiziert. Zudem werden in unregelmäßigen Abständen in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Ausstellungen zu nicht nur stadtgeschichtlich bedeutenden Themen ausgerichtet, wozu begleitend stets umfangreiche Kataloge erarbeitet und publiziert wurden.

Das Stadtarchiv, das seit seinem Bestehen stets anderen Ämtern, zumeist dem Hauptamt zugeordnet war, wurde am 1. Dezember 1994 als selbständiges Amt aus dem Haupt- und Personalamt ausgegliedert und am 1. April 2000 dem Kulturamt zugeordnet. Seit der Umsetzung der Verwaltungsreform im Dezember 2001 gehört es als Team Archiv zum Fachbereich 4 (Stadtkultur).

 

Martin Wilhelm Roelen