Stichtag: 03. Januar 1900 - Die israelitische Volksschule am Willibrordiplatz wurde eingeweiht.

Die neuerbaute Schule mit dem noch nicht gestalteten Willibrordiplatz im Vordergrund

Nach der Aufhebung der Festung im Jahre 1889 konnte sich die Stadt Wesel endlich über ihre bisherigen engen Grenzen ausdehnen. Nutznießer dieser neuen Situation waren auch alle Weseler Schulen, die aus ihren bedrängten Verhältnissen in viel zu kleinen Gebäuden herauskamen. Als erstes - zwölf Jahre vor allen anderen - errichtete die israelitische Gemeinde am neu geschaffenen Willibrordiplatz ein neues Schulgebäude. Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1899 und nach nicht einmal einem Jahr, am 3. Januar 1900, konnte die Schule feierlich ihrer Bestimmung übergeben werden.

Die israelitische Volksschule war im Jahre 1808 als Privatschule gegründet worden und wurde von der Königlichen Regierung erst am 4. März 1868 zur öffentlichen Elementarschule erklärt. Das Schulgebäude befand sich ursprünglich am Kaldenberg. Seit den 1850er Jahre hielt man Schule in der Feldstraße 41, im Haus des israelitischen Jünglingsvereins.

Kleines Festgedicht vom 3. Januar 1900, vorgetragen von Josef Spier

Zur Einweihung gab es eine feierliche Veranstaltung in der Schule, zu der die Gemeindemitglieder, die Schüler, die Leiter aller Weseler Schulen sowie der Weseler Oberbürgermeister Dr. Josef Fluthgraf anwesend waren. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit Gesang und einem vom achtjährigen Sohn des Lehrers Simon Spier vorgetragenen kleinen Festgedichtes. Danach übergab der Vorsteher der Synagogengemeinde, Carl Benjamin, das Gebäude dem Schulvorstand. Die Festrede hielt Lehrer Spier. Anschließend sprach der Lokalschulinspektor Carl Zaudy über die Geschichte der israelitischen Volksschule in Wesel. Nach dem von mehreren Mädchen vorgetragenen und von Simon Frankfurter verfassten Festgedicht hielt der Weseler Oberbürgermeister eine begeisternde Rede, die mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser endete. Zum Andenken an diesen Tag pflanzte man auf dem Schulhof eine Linde und bewirtete und beschenkte die Kinder.
Das im schlichten historischen Stil erbaute dreigeschossige Schulgebäude beherbergte im Erdgeschoss zur Straße hin ein Versammlungszimmer und zum Hofe hin ein für maximal 50 Schüler ausgelegtes Klassenzimmer. In der ersten Etage befand sich die Wohnung des Lehrers, das Stockwerk darüber war vermietet und wurde unter anderem vom evangelischen Lehrer Strunk bewohnt. Links gab es einen Durchgang mit einem schmiedeeisernen Gitter, der zum Schulhof und zur Synagoge führte. Das Grundstück der Synagoge schloss sich im rechten Winkel an das der Schule an. Das Gotteshaus war nie über die Rheinstraße, sondern nur über einen von der Straße am Fischtor abgehenden Weg erreichbar. Durch den Erwerb des Schulgeländes bzw. den Bau der Schule erhielt es einen ordentlichen Zugang.

Die Zahl der Schüler an der israelitischen Schule war nie sehr hoch; das lag unter anderem daran, dass zahlreiche Kinder das Gymnasium oder das Lyzeum besuchten. Zur Zeit der Einweihung besuchten 29 Schüler die Einrichtung, fünf Jahre zuvor waren es 32. Unterrichtet wurden die Kinder in drei Abteilungen. Am Religionsunterricht nahmen auch die jüdischen Gymnasiasten und Töchterschülerinnen teil.

Simon SpierJosef Dannenberg

An der neuen Schule unterrichteten bis zu ihrer Auflösung nur zwei Lehrer, Simon Spier und Josef Dannenberg. Der 1926 in den Ruhestand getretene Simon Spier reiste noch im hohen Alter nach Palästina aus, während sein Nachfolger, der zuletzt in Krefeld lebte, 1942 nach Izbica deportiert wurde und umkam. Die jüdische Volksschule wurde bereits im April 1935 geschlossen. Warum dies so früh erfolgte und man in Wesel dadurch die politisch gewünschte Rassentrennung aufhob, ist nicht bekannt. Der Lehrer Dannenberg verließ Wesel und die jüdischen Schüler wurden auf die anderen Weseler Volksschulen verteilt. Das Gebäude wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges vollkommen zerstört.

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