Stichtag: 03. November 1568 - Weseler Konvent

Anfang November 1568 trafen sich in Wesel 41 führende Vertreter niederländischer Exulanten zu einer Versammlung, die unter der Bezeichnung „Weseler Konvent“ Berühmtheit erlangte. Vor allem Prediger und Älteste berieten über eine Kirchenordnung für niederländische Gemeinden. Infolge des 1568 beginnenden Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den niederländischen Provinzen flüchteten mindestens 100.000 Niederländer aus ihrer Heimat, den heutigen Niederlanden, Belgien, Nordfrankreich sowie dem westlichen Niederrhein (Geldern). Bedeutende Asylorte waren London, Emden und Wesel, wo sich jeweils reformierte Flüchtlingsgemeinden bildeten. Die erarbeiteten Ergebnisse der Versammlung, die als Ursynode der niederländischen reformierten Kirche gilt, wurden in einem Protokoll festgehalten, das vom 3. November 1568 datiert. Es enthält zum einen die Beschreibung des Lebens in den Gemeinden, die entsprechend der Vierämterlehre Jean Calvins vier Ämter besetzen sollen: Prediger, Ältester, Diakon und Lehrer. Der Prediger verkündigt und bildet zusammen mit den Ältesten das Presbyterium, das die Geschicke der Gemeinde leitet. Diakon bzw. Diakonin sind für die Armenfürsorge zuständig. Der Lehrer sorgt für die theologische Weiterbildung der Gemeinde. Die Gemeinden wiederum sollten nach hugenottischem Beispiel vernetzt werden, zum einen zur Classikalsynode, die wiederum Vertreter zur noch einzurichtenden Provinzialsynode als Gesamtsynode entsenden sollten.

Die erste offiziell verabschiedete Ordnung für die niederländische Kirche stammt allerdings erst von 1571 und wurde von der Synode in Emden beschlossen.

Die Weseler Beschlüsse für die Einzelgemeinden wurden in den Flüchtlingsgemeinden umgesetzt, allerdings nicht in allen Punkten. Die Kirchenorganisation wurde dagegen übernommen. Eine Reihe deutscher Gemeinden in den Vereinigten Herzogtümern Jülich-Kleve, in denen sich Flüchtlingsgemeinden gebildet hatten, schlossen sich der niederländischen Classis Wesel an. Erst 1610 bildeten sie eine eigene, deutsche Gesamtsynode unter Beibehaltung der niederländischen Kirchenorganisation.

Ein wesentlicher Punkt der Geschichte des Weseler Konvents ist allerdings umstritten. Ein niederländischer Historiker, Jan Pieter van Dooren, bezweifelte, dass der Konvent 1568 in Wesel stattgefunden hatte und vermutete, er habe sich 1566/67 in Antwerpen versammelt. Das Protokoll wurde vorsichtshalber mit falschem Ort und falschem Datum versehen. Merkwürdigerweise hinterließ dieses Ereignis auch keinerlei Spuren in Weseler Quellen, weder in denen der Stadt noch in denen der evangelischen Gemeinde Wesel.

2017 hat Jesse Spohnholz, amerikanischer Historiker und Kenner der niederländisch-niederrheinischen Kirchengeschichte, ebenfalls Zweifel am Weseler Konvent geäußert. Neben Ort und Datum, die er ebenfalls für fingiert hält, spricht er die Weseler Beschlüsse nicht als solche an, sondern hält sie für ein Positionspapier des flämischen Theologen Petrus Dathenus, der sie verfasst und auch als erster unterschrieben habe. Geschrieben worden sei das Positionspapier in Erwartung eines erfolgreichen Feldzuges Wilhelms von Oranien gegen die spanischen Habsburger. Dathenus, 1571 Mitorganisator der Synode von Emden, reiste mit seinem Dokument zu anderen Flüchtlingsgemeinden und sammelte so die Unterschriften für sein Papier. Da der genannte Feldzug aber nicht den gewünschten Erfolg hatte, verblieb das Positionspapier bei der Flüchtlingsgemeinde in London. Dort wurde es vom dortigen Prediger Simeon Ruytinck 1618 wiederentdeckt und fälschlich für das Protokoll einer ersten niederländischen Nationalsynode gehalten. Über seinen Fund berichtete Ruytinck in seiner 1619 erschienenen Schrift Harmonia synodorum belgicarum, womit seine Fehlinterpretation allgemein bekannt und auch übernommen wurde. Von dem Fundstück wurden Kopien erstellt, von denen eine vom Kopisten Johannes Gysius, einem niederländischen Prediger, 1639 an die reformierte Gemeinde Wesel geschickt wurde. Der Weseler Prediger Hermann van Ewich hat in seiner 1668 erschienenen Geschichte Wesels den Weseler Konvent nicht erwähnt, da er offensichtlich Ruyticks Buch nicht kannte. Peter Theodor Anton Gantesweiler widmete in seiner 1795 fertiggestellten Chronik von Wesel dem Konvent ein Kapitel. Er benutzte die 1769 erschienene Schrift des Middelburger Predigers Adriaan ‘s Gravenzande zum 200. Jahrgedächtnis der Synode zu Wesel. Gantesweiler kannte sicher ‘s Gravezande aus seiner Zeit in Middelburg, wo auch nach eigenem Bekunden sein Interesse für die Geschichte geweckt wurde. Sein Manuskript wurde allerdings erst 1880 gedruckt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von einem Tübinger Theologen erstmals der Begriff „Weseler Konvent“ verwendet. Man wurde auch in Wesel des vorgeblichen Ereignisses gewahr und folgerichtig wurde die 300-Jahrfeier 1868 mit Unterstützung des preußischen Staates in Wesel zelebriert. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein niederländischer Kirchenhistoriker, Frederik Lodewijk Rutgers, das Originalmanuskript untersucht, erkannte dessen wahre Eigenschaft und die damit verbundene falsche historische Darstellung, den Mythos „Weseler Konvent“.

Die für die 300-Jahrfeier geschmückte Willibrordi-Kirche

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