Stichtag: 04. August 1946 - Vertriebene

Ein Transport mit vertriebenen Oberschlesiern erreichte am 4. August 1946 Wesel.

Am Sonntag traf ein Transport mit über 500 Ostflüchtlingen ein. Sie wurden vom Roten Kreuz mit Kaffee empfangen und alsdann provisorisch in den Schulen der Umgegend untergebracht. Bei den Flüchtlingen handelt es sich in der Hauptsache um Frauen und Kinder vom Säugling bis zur Greisin über 80 Jahre, die ihre oberschlesische Heimat aufgeben mussten. Aus ihren Erzählungen geht das erschütternde Los, das die Ostdeutschen getroffen hat, mit aller Klarheit hervor.

Diese Zeitungsmeldung der Rheinischen Post vom 7. August 1946 zeigte die drei Tage zuvor erfolgte Zuweisung von Oberschlesier nach Wesel an. Es ist erstaunlich, dass überhaupt drei Sätze dazu gedruckt wurden, da die Zeitung nur dreimal wöchentlich erschien, vier Seiten stark war und für den gesamten unteren Niederrhein nur eine halbe Seite für lokale Nachrichten Platz hatte. Bei den Ostflüchtlingen handelte es sich natürlich um Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. 1,5 Millionen Ostdeutsche sollten seit dem 24. Februar 1946 gemäß einer Vereinbarung von Briten und Polen mittels geordneter Vertreibung in die britische Zone abtransportiert werden. Man rechnete mit 7 bis 8.000 Personen täglich.

Die Vertreibung verlief vielfach nicht so wie geplant. Die Betroffenen, das waren zumeist Frauen, Kinder und alte Menschen, wurden in der Regel am Tag zuvor von ihrer Ausreise in Kenntnis gesetzt. Man dürfte so viel Gepäck mitnehmen wie man tragen konnte und hatte früh am Morgen die Wohnung bzw. das Haus zu verlassen und sich zu einer Sammelstelle etwa in der Kreisstadt zu begeben. Dort musste man Sparbücher und Geld bis auf 300 Reichsmark abgeben. Das Gepäck wurde kontrolliert und dabei vielfach geplündert. Am nächsten Tag erfolgte der Abtransport per Zug - in der Regel in Güter- und Viehwaggons -, der knapp zwei Wochen dauern konnte. Die zugesagte Verpflegung gab es häufig gar nicht, so wie viele Zusagen von polnischer Seite bewusst nicht eingehalten wurden. Falls die Türen entriegelt wurden, konnte man Wasser holen und die Toten beerdigen. Waggons konnten jedoch auch von polnischen Banden zwecks Plünderung geöffnet werden. Vor der Grenze wurden die Vertriebenen entlaust. Die Züge fuhren entweder bestimmte Durchgangslager an den Grenzen der britischen Zone an, von wo es anderntags mit Personenzügen weiterging, oder sie brachten ihre Fracht gleich an den Bestimmungsort.

Vertriebenen-Eigenheime in der Offermannstraße (1955)

Woher am 4. August 1946 die nach Wesel gelangten Oberschlesier genau kamen, ist merkwürdigerweise nicht angegeben. Sie mussten hier, in einer vom Krieg schwer zerstörten Gegend, auf Befehl der britischen Besatzungsmacht untergebracht werden. Die provisorische Unterbringung in Schulen war aufgrund der Sommerferien eine sinnvolle Lösung, da Stadt und Kreis nun mehr Zeit hatten, die Vertriebenen Privatunterkünften zuzuweisen. Es wurden häufig Zimmer requiriert, die von ihren Vermietern leer übergeben wurden. Es gab keine ausgeprägte Willkommenskultur wie heute! Den Vertriebenen schlug mehrheitlich Ablehnung durch die Bevölkerung entgegen. Immerhin stellten die Betreuungsstellen für Ostflüchtlinge sofort Material zur Verfügung, die gegen Bezugsscheine entgegengenommen werden konnten. Es handelte sich um so notwendige Dinge wie Möbel, Haushaltsgegenstände, Kochtöpfe und Herde und Anzüge für die, die alles verloren hatten - sogar ihre Heimat.

Schon vor dem Transport gab es in der Stadt trotz Zugzugstopps Ostflüchtlinge, die bei Kriegsende geflohen waren. Zusammen mit den Vertriebenen, die am 4. August 1946 kamen und denen, die in folgenden Jahren noch zuziehen sollten, hatten sie 1949 einen Anteil von knapp fünf Prozent an der Stadtbevölkerung. Zehn Jahre später waren es fast 17 Prozent. Fast jeder fünfte Weseler kam damals aus den Ostgebieten oder der ehemaligen DDR und hatte also einen Migrationshintergrund. Die Ostdeutschen waren, wie aufgestellte Denkmäler und Patenschaften (Rastenburg) zeigen, seit der Mitte der Fünfziger Jahre gesellschaftlich anerkannt und hatten trotz aller Unbilden ihren Platz in Wesel gefunden.

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