Stichtag: 05. September 1614 - Einnahme durch die Spanier

Der Tod des letzten, kinderlos gebliebenen jülich-klevischen Herzogs, Johann Wilhelm, am 25. März 1609 rief sogleich vier Fürsten auf den Plan, die allesamt über die weibliche Erbfolge Anspruch auf die Vereinigten Herzogtümer erhoben. Tatkräftig traten vor allem der Kurfürst von Brandenburg und der Herzog von Pfalz-Neuburg auf. Sie vereinbarten eine gemeinschaftliche Verwaltung, zerstritten sich aber 1613 und suchten nun für den bevorstehenden Kampf nach Verbündeten. Der lutherische Kurfürst konvertierte zum Kalvinismus und erlangte die Unterstützung der Generalstaaten, während der ebenfalls lutherische Pfalz-Neuburger zum katholischen Glauben übertrat und Spanien um Hilfe bat.

Die Spanier schickten Ambrosio Spinola, den Kommandierenden der spanischen Truppen in den Niederlanden, mit einem großen Heer in die Vereinigten Herzogtümer. Er nahm in rascher Folge zahlreiche rheinische Städte ein, zuerst Aachen, dann unter anderem Düren, Mülheim/Rhein, Duisburg, Orsoy und Rheinberg. In Wesel traf die Nachricht, dass Spinola Rheinberg eingenommen hat und nun nach Wesel kommen wollte, am 1. September 1614 ein. Spinola verlangte über seinen Abgesandten, den pfalz-neuburgischen Hofmeister Johann Bartold von Wonßheim, tags darauf die Übergabe der Stadt. Die Einwände der Stadt, dass sie sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, Neutralität beiden Anwärtern gegenüber wahrte und nicht gegen die Vereinbarungen der beiden Anwärter verstoßen habe, ließ er natürlich nicht gelten. Er begründete sein Verhalten mit der gescheiterten Einnahme Düsseldorfs durch den Kurfürsten und seine Verbündeten sowie der Einnahme Jülichs durch die Niederländer und wollte daher zum Schutz Wesels und für den Pfalz-Neuburger 1.000 Soldaten in der Stadt einquartieren.

Ambrosio Spinola Doria, Marqués de los Balbases (1569–1630)

Die Stadt Wesel lehnte am 3. September das Ansinnen Spinolas ab und gab auch ihr Misstrauen ihm gegenüber deutlich zu erkennen. Sie fürchtete um ihre Religion und ihre Freiheit und entschloss sich, sich zu widersetzen. Die mittlerweile vor der Stadt aufgezogenen Spanier wurden durch Kanonen auf Distanz gehalten. Zwei Tage widerstanden die Weseler hartnäckig, dann, am Mittag des 5. September, gaben sie auf. Die spanischen Truppen waren gefährlich nahe an die Stadt herangekommen und man wollte durch ein Einlenken glimpflich davonkommen. Während der anschließenden Verhandlungen kam noch ein Bote aus Kleve mit der Nachricht, dass Prinz Moritz von Oranien mit 18.000 Mann unterwegs sei, um der Stadt zu Hilfe zu kommen. Sie müsste noch drei Tage durchhalten. Dieses war jedoch nicht möglich und zudem liefen bereits die Übergabeverhandlungen. So wurde die Übergabe zu erträglichen Bedingungen vereinbart. Die Stadt musste die entsprechenden Soldaten aufnehmen und den gewöhnlichen Unterhalt (Servis) leisten, erhielt die gewünschte Religionsfreiheit, ihre Bürger erhielten volle Bewegungsfreiheit und ihre angeworbenen Soldaten freien Abzug. Die Spanier wollten die Stadt sofort verlassen, wenn die Niederländer Jülich wieder aufgäben. Sie zogen noch am Abend des 5. September ein. Dass die von den Spaniern unterzeichnete Kapitulationsurkunde nicht viel wert war und das Wort eines Spaniers nicht viel galt, merkte man in Wesel sehr schnell. Die Spanier zogen trotz des im November 1614 zwischen den Anwärtern geschlossenen Vertrages von Xanten nicht ab. Es folgten 15 Jahre spanischer Repression, in denen laufend gegen die Kapitulationsvereinbarung verstoßen wurde. Die Spanier verließen 1629 Wesel auch nicht freiwillig, sondern wurden durch einen Überraschungscoup der Niederländer überwältigt und aus der Stadt geworfen.

Prinz Moritz von Oranien (1567–1625)

Der 5. September 1614 bedeutete für die Stadt Wesel einen - damals nicht bewussten - Einschnitt. Sie wurde - nicht nur vorübergehend - Garnisonstadt und ihr wirtschaftlicher Niedergang eingeläutet. Die militärische Selbstbestimmtheit der Stadt endete und man war nicht mehr Herr im eigenen Haus! Von nun an regierte in der Stadt das Militär, das sich nahm, was es brauchte und wollte und nach eigenen Vorstellungen - ohne jede Rücksicht auf die Belange der Stadt und seiner Bürger - plante und baute.

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