Stichtag: 08. März 1936 - Wieder Garnisonstadt

Aufgrund des Versailler Vertrages von 1919 war es Deutschland verboten, in einer entmilitarisierten Zone entlang des Rheines Befestigungen zu errichten oder mobil zu machen. Entmilitarisiert waren - vor allem wegen des französischen Sicherheitsbedürfnisses - das linke Rheinufer und eine 50 Kilometer breite Zone rechts des Rheines. Eine Verletzung der Vertragsbestimmungen wurde als Störung des Weltfriedens betrachtet. Dem Vertrag von Locarno aus dem Jahre 1925 zufolge legitimierte die Verletzung Belgien und Frankreich, unterstützt von den übrigen Locarno-Unterzeichnern, ein militärisches Eingreifen.

In Deutschland gab es schon vor 1933 Pläne, die Entmilitarisierung bei passender Gelegenheit rückgängig zu machen. Die Reichswehr hatte bereits im März 1933 konkrete Pläne zur Besetzung des Rheinlandes, doch die militärische und politische Führung hielten dies vor 1937 nicht für möglich. Dass es doch schon im Frühjahr 1936 zu der von Nationalsozialisten als „Rheinlandbefreiung" propagierten Besetzung des Rheinlandes kam, war der international günstigen Situation geschuldet. Der italienische Kolonialkrieg in Äthiopien führte zu einer Annäherung von Italien und Deutschland und zu Spannungen im englisch-französischen Verhältnis. Die Ratifizierung des französisch-sowjetischen Beistandspaktes durch die französische Nationalversammlung Ende Februar 1936, der sich gegen Deutschland richtete, war der Vorwand, den Hitler für seine Aktion nutzen wollte. Die Ratifizierung war für ihn eine Verletzung der Verträge von Locarno, die zu einer gegenseitigen friedlichen Politik verpflichteten. Deutschland kündigte am 7. März 1936 die Verträge von Locarno, die Hitler wegen der von ihm angestrebten Revidierung des Versailler Vertrages sowieso nur als Hindernis angesehen hatte. Bereits am Morgen dieses Tages ließ Hitler die Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland einmarschieren. Es gab zwar scharfe Proteste, aber keine militärischen Maßnahmen Frankreichs, da Großbritannien sie nicht unterstützte und Italien bereits im Vorfeld signalisiert hatte, sich an solchen nicht zu beteiligen. Frankreich wollte ohne Unterstützung Großbritanniens keinen Krieg führen, zumal Parlamentswahlen anstanden. Wahlen standen auch in Deutschland an und waren ein innenpolitisches Motiv für den Einmarsch, der im Falle eines Erfolges Hitler eine hohe Zustimmung bescheren sollte. Militärisch war Deutschland trotz der angelaufenen Wiederaufrüstung eindeutig unterlegen.

Am 7. März 1936 marschierten im Rahmen der Aktion „Winterübung" drei Wehrmachtbataillone in das Rheinland ein und errichteten Garnisonen in Aachen, Trier und Saarbrücken. Am Tag darauf wurde die Landespolizei-Abteilung Wesel als III. Bataillon des Infanterie-Regiments 79 in die Wehrmacht überführt, was Wesel wieder zur Garnisonstadt machte.

Marschierende Landespolizei (Infanterie-Regiment 79) in der Wilhelmstraße (1)

Die im Frühjahr 1933 zusammengestellte Landespolizeiabteilung Iserlohn war am 1. Oktober 1934 nach Wesel verlegt worden. Sie übernahm die Klever-Tor-Platz-Kaserne (43er), deren bisherige Nutzer, unter anderen drei Schulen und das Theater, die Gebäude räumen mussten. Führer der Abteilung war Major Rudolf von Tschudi, der wie viele ältere Offiziere in der kaiserlichen Armee gedient hatte. Das Infanterie-Regiment wurde am 1. Oktober 1936 in Infanterie-Regiment 39 umbenannt und übernahm im Jahr darauf die Tradition des ehemals in Wesel stationierten Infanterie-Regiments 56.

Rudolf von Tschudi

Am Nachmittag des 8. März 1936 zeigte sich das neue Bataillon in feldgrauer Uniform einer staunenden Bevölkerung, als es mit einem Musikkorps durch die Stadt zog. Die Stadt begrüßte natürlich diese Entwicklung und erhoffte sich die Verlegung weiterer Truppen nach Wesel und damit - angesichts der notorisch schlechten Finanzlage der Stadt - einen größeren wirtschaftlichen Aufschwung. Bei der Reichstagswahl am 29. März 1936 gab es die gewünschte hohe Zustimmung für Hitler: Die NSDAP erhielt in Wesel 98,79 Prozent der Stimmen. An die möglichen Folgen der Remilitarisierung dachten damals die wenigsten.

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