Stichtag: 09. November 1938 - Pogromnacht

Die Lage der Weseler Synagoge (2) mit dem Zugang zum Willibrodiplatz (1), der ehemaligen jüdischen Schule (Luftbild um 1928)

Die auch „Reichskristallnacht" genannten Pogrome im November 1938 markierten eine geplante Änderung der NS-Judenpolitik. Die bisherige Diskriminierung wurde von einer systematischen Verfolgung und Terrorisierung der noch in Deutschland verbliebenen Juden abgelöst. Ziel war es, die Juden aus dem Wirtschaftsleben zu drängen, ihre Geschäfte zu arisieren und ihnen damit ihre Existenz in Deutschland zu nehmen und sie zur Auswanderung zu zwingen - für ein judenfreies Deutschland.

Unmittelbarer und idealer Vorwand für den Novemberpogrom war die Ermordung des deutschen Legationssekretärs Ernst Eduard vom Rath in Paris durch den polnischen Juden Herschel Grynszpan. Der Diplomat erlag am 9. November seinen zwei Tage zuvor erlittenen Schussverletzungen. Grynszpans Familie lebte illegal in Deutschland und wurde Ende Oktober 1938 in der „Polenaktion" genannten Massenabschiebung polnischer Juden nach Polen abtransportiert. NSDAP, SA und SS sahen das Attentat als willkommenen Anlass, um wohl bereits geplante Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung umgehend, gezielt und gut organisiert durchzuführen. Propagandistisch verkauft wurde der Pogrom als ein unkontrollierter Volkszornausbruch.

Im gesamten Reich wurden planmäßig in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 Synagogen geschändet und in Brand gesetzt, jüdische Geschäfte geplündert und zerstört sowie Juden in ihren Wohnungen heimgesucht, beraubt, misshandelt, verschleppt oder gar getötet und ihr Mobiliar zerschlagen. Sicherheitsorgane und Feuerwehr waren kurzfristig informiert, damit sie nicht eingriffen.

In Wesel verlief die Pogromnacht nicht anders. Auch hier gilt als besonderer Höhepunkt der Brand der Synagoge. Diese Aktion musste gut vorbereitet werden, da diese in der dicht bebauten Innenstadt stand. Sie lag nicht an der Straße, sondern war hinter einer Häuserzeile direkt an ein Wohnhaus gebaut und nur durch eine Toreinfahrt zu erreichen. Es bestand wegen des alten Hausbestandes höchste Brandgefahr, so dass die örtliche Feuerwehr sich bereithalten musste - nicht etwa zum Löschen, sondern um zu verhindern, dass der Brand übergriff. Die Brandstiftung fand erst gegen 6 Uhr morgens statt. Sie wurde von der Weseler SS vorgenommen. Währenddessen riegelte die Weseler SA das Gebäude ab. Die Brandstiftung hatte unmittelbare Folgen für die Kinder der nahegelegenen Hansaringschule: Sie wurden vorsorglich gleich wieder nach Hause geschickten und hatten somit schulfrei.

Das zerstörte Einrichtungshaus Zaudy auf der Brückstraße

Schon in der Nacht hatten SA und SS die Scheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen und die Geschäfte geplündert und verwüstet. Sie drangen in die jüdischen Wohnungen und Häuser ein, wo sie sich ebenso verhielten und die Anwesenden demütigten und auch misshandelten. Zahlreiche Weseler Juden wurden am 10. November verhaftet und einige von ihnen ins Konzentrationslager Dachau überstellt.

Der Terror endete nicht am 10. November. SA und SS drangen auch in den folgenden Nächten bei reichen Juden ein, um sie zu demütigen, weiter zu plündern und zu zerstören.

Die beiden jüdischen Friedhöfe Wesels blieben von Verwüstungen verschont. Am Ostglacis gab es wohl einen Versuch dazu am Vormittag des 10. November.

Ab dem 12. November verschärfte der NS-Staat seine antisemitische Politik mit der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben", dem Anfang Dezember die „Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" folgte. Zudem verloren die Juden erhebliche Vermögenswerte durch die ihnen auferlegte sogenannte Sühneleistung, die ihnen umgehend abgezwungen wurde. Infolge des Terrors und der Repression versuchten nun viele noch verbliebene Juden, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen.

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