Stichtag: 15. Juni 1961 - Einweihung der Sonderschule am Herzogenring

Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren alle innerstädtischen Schulen Wesels zerstört: das Gymnasium, das Oberlyzeum, drei Volksschulen und die Hilfsschule. Schulunterricht fand in der Innenstadt und an den Ringstraßen bis 1948 nicht statt. Die anfangs noch wenigen Schüler mussten die nutzbaren kleinen Schulen in den Außenbezirken besuchen. Die beiden großen Volksschulen an der Böhlstraße und am Hansaring konnten bis 1949 wieder für den Unterricht hergerichtet werden. An der Böhlstraße wurden wegen des Platzmangels gleich drei Schulen untergebracht: die evangelische Volksschule, die katholische Volksschule St. Martini und seit April 1949 die Hilfsschule. Die Böhlschule beherbergte damals bis zu 1.300 Schülerinnen und Schüler. Das Jungengymnasium bezog 1950 gemeinsam mit dem Mädchengymnasium das alte Gebäude am Herzogenring. Für die übrigen drei Schulen wurden Neubauten an anderer Stelle, nämlich im Norden der Altstadt, dem sogenannten Kulturviertel, errichtet.

Bis alle drei Schulen nutzbar waren, sollten zwölf Jahre vergehen. Das Mädchengymnasium konnte schon 1953 ein neues Gebäude an der Ritterstraße beziehen. Die drei anderen innerstädtischen Schulneubauten wurden auf dem Gelände der ehemaligen Artilleriekaserne vor dem Klever Tor errichtet. 1958 konnte die Martinischule den neuen Standort beziehen. Ein für Wesel neuer Schultypus, die Realschule, bezog als vierte neue Schule im Dezember 1961 den ersten fertigen Bauabschnitt. Schon im Juni 1961 konnte die Hilfsschule ihr Ausweichquartier verlassen und einen Neubau am Herzogenring beziehen.

Mit ihrem Neubau hatte erst am 1. Dezember 1959 begonnen werden können, da sich die Grundstücksverhandlungen mit der Oberfinanzdirektion verzögerten. Der Rohbau wurde im Januar 1960 in Angriff genommen. In der frühen Bauphase ergab sich aufgrund geänderter Vorgaben für die Schülerzahl pro Klasse ein Mehrbedarf von zwei Schulklassen. Angesichts der besonderen Situation in Wesel, wo wegen des Hauptdurchgangslagers auch die Sonderschule stärker frequentiert wurde, genehmigte die Bezirksregierung die gewünschte Erweiterung auf acht Klassen. Dieser zweite Bauabschnitt konnte sofort begonnen werden. Das Gebäude war im März 1961 fast fertiggestellt; sieben Normalklassen, ein größerer Mehrzweckraum - der achte Klassenraum -, ein Handarbeits- und ein Werkraum standen schon zur Verfügung. Gearbeitet wurde noch in neun Nebenräumen, so dem Rektor- und Lehrerzimmer. Die Stadt drängte auf eine Fertigstellung bis zum Beginn des neuen Schuljahres (13. April), da sie dringend Schulräume für die Realschule benötigte. Zum Ärger des Rektors Hermann Bachmann und des Lehrerkollegiums der Sonderschule sollten diese bis zum Winter nur die Normalklassen beziehen; Böhl-, Martini-, und Sonderschule mussten je zwei Realschulklassen aufnehmen. Da sich die Arbeiten an den Normalklassen verzögerten, konnte die Sonderschule erst nach den Pfingstferien die neuen Räumlichkeiten beziehen. Gegen den Willen von Bachmann, der eine feierliche Einweihung erst nach dem Abzug der Realschulklassen wünschte, wurde die Schule nach den Pfingstferien eingeweiht und sogleich bezogen.

Ansprache von Rektor Bachmann zur Einweihung am 15. Juni 1961.

Am 15. Juni 1961 war es endlich soweit. Lehrerkollegium und alle 170 Schüler der Sonderschule verabschiedeten sich im Zeichensaal der Böhlschule feierlich von ihren Gastgebern, die ihnen zwölf Jahre Unterschlupf gewährt hatten. Anschließend ging es zur nicht weit entfernt liegenden neuen Schule am Herzogenring, wo Stadtdirektor Dr. Reuber im Beisein von Vertretern des Bauamtes die Schule mit mahnenden Worten an die Schüler, sie samt Mobiliar pfleglich zu behandeln, übergab. Nach weiteren Ansprachen von Rektor Bachmann, der sich für die erstmals würdige Unterbringung der Sonderschule bedankte, und dem Schulleiter der Realschule, Paul Bernds, begann für die Schüler die erste Unterrichtsstunde im neuen Haus, dass mit einigen Besonderheiten aufwarten konnte: einer Voliere im Treppenhaus, zwei Aquarien am Eingang sowie drei Schaukästen in der Pausenhalle. Der etwa 1.000 qm große Schulhof war als erster Wesels mit holländischem Klinker befestigt. Zum Schulgelände, auf dem der gesamte alte Baumbestand erhalten blieb, gehörten auch eine 400 qm große Gymnastikwiese und ein kleiner Freiunterrichtsplatz.

Der Schulhof mit altem Baumbestand.

18 Jahre konnte sich die Sonderschule ihres neuen Gebäudes erfreuen. 1979 musste sie endgültig wegen des Raumbedarfs der Realschule weichen und bezog neue Räumlichkeiten am Brüner-Tor-Platz, die spätere Ellen-Key-Schule. Diese Förderschule wurde infolge der Inklusion im Sommer 2015, 108 Jahre nach ihrer Gründung, geschlossen.

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