Stichtag: 19. August 1629 - Holländische Truppen nehmen Wesel ein

Im Achtzigjährigen Krieg (1568-1648), den die aufständischen Niederländer gegen den spanisch-habsburgischen Zentralismus, gegen die religiöse Unterdrückung und schließlich für die Unhabhängigkeit führten, war gerade Wesel von Anfang an involviert, nahm es 1568 doch kalvinistische Glaubensflüchtlinge aus dem Kriegsgebiet auf. Der Krieg griff schon bald auf das Rheinland über. Beide Gegner besetzten Städte und feste Plätze, nahmen sie sich gegenseitig ab oder zerstörten sie. Die Konfession spielte bei der Auseinandersetzung zwischen katholischen Spaniern und überwiegend kalvinistischen Niederländern stets eine gewichtige Rolle.

Otto van Gent

Das protestantische, sich dem Kalvinismus zuwendende Wesel war seit etwa 1580 unmittelbar vom Krieg berührt. 1614 ergab sich die Stadt nach kurzer Belagerung den Spaniern, die die Stadt als wichtigsten spanischen Stützpunkt im Rheinland ausbauten und schließlich auch gewaltsam zu rekatholisieren versuchten. Im Mai 1629 nahmen die Generalstaaten nach einem längeren Waffenstillstand mit der Belagerung von 's-Hertogenbosch wieder die Kampfhandlungen auf. Den Spaniern und ihren Verbündeten gelang der Entsatz der Stadt nicht; statt dessen zogen sie von Wesel aus in die Veluwe, nahmen am 14. August Amersfoort ein und fielen mit diesem Vorstoß ins holländische Kernland den Belagerern in den Rücken. In dieser Situation gelang es dem holländischen Gouverneur von Emmerich, Otto van Gent, mit einem wagemutigen Unternehmen am 19. August den Spaniern in den Rücken zu fallen. Er zog mit etwa 1600 Fußsoldaten und acht Kompanien Reiterei unbemerkt am Tag zuvor von Schenkenschanz über Rees nach Wesel. Am frühen Morgen des 19. August ging eine Abteilung gegen einen Befestigungsabschnitt zwischen Brüner und Dämmer Tor vor. Der Gouverneur wusste von Peter Mölder, einem Spion aus Wesel, dass die Festungsanlagen an dieser Stelle wegen Bauarbeiten nur durch Palisaden gesichert waren. Hier drangen die Truppen, unterstützt von Mölder, seinem Bruder Dirk und beider Schwager Jan Rohleer, in die Stadt ein und gelangten schon bald zur spanischen Hauptwache am Großen Markt; weitere Soldaten stürmten durch zwei Stadttore hinein, die ihnen durch Einwohner Wesels unter Mölders Führung geöffnet wurden. Der spanische Gouverneur wurde gefangen genommen und seine Truppen entwaffnet. Die beiden spanischen Schanzen am Rhein kapitulierten ebenfalls und das spanische Kriegsschiff auf dem Rhein wurde vom eigenen Kommandanten versenkt. Einige Spanier flüchteten über eine Schiffsbrücke in das besetzte Büderich und zerstörten hinter sich die Brücke. Büderich wurde einige Tage später von den Niederländern eingenommen.

Darstellung der Eroberung

Die Spanier und ihre Verbündeten verloren ihre wichtigste Basis am Rhein und waren nun in der Defensive. 's-Hertogenbosch ergab sich den Niederländern im September.
Wesel feierte die Einnahme der Stadt selbstverständlich als Befreiung von den Spaniern, endete doch nun die als schwere Bürde empfundene spanische Rekatholisierung. Allerdings war die Stadt weiterhin besetzt, nun für 43 Jahre durch die Generalstaaten, die in Wesel jedoch als Schutzmacht wahrgenommen wurden.

Der 19. August 1629 war bis zum Ende des Alten Reiches ein städtischer Feiertag, das Spanische Fest genannt. Die - reformierte - Bürgerschaft versammelte sich an dem dem Gedenktag nächstliegenden Sonntag in den Pfarrkirchen, wo Dankpredigten gehalten wurden. Am Festtag selbst versammelten sich Magistrat, Prediger, Richter und Bürgeroffiziere zu einer Mahlzeit. Alle Schulen hatten frei und im großen Hörsaal des Gymnasiums wurde mit einer Rede der Ereignisse gedacht.

An die Befreiung von den Spaniern erinnern heute noch drei Straßennamen, die den Protagonisten des Überfalls vom 19. August 1629 gewidmet sind: Rohleerstraße, Mölderplatz und Van-Gent-Straße.

Links