Stichtag: 23. Oktober 1912 - Einweihung der Böhlschule

Mit der Entfestigung Wesels und dem damit verbundenen Erwerb militärfiskalischen Geländes im Jahre 1889 konnte sich die Stadt endlich in das die Stadt wie ein Korsett umgebende Festungsgelände und das dahinterliegende Rayon ausdehnen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges gab es einen regelrechten Bauboom. Endlich war es möglich, der Enge der alten Stadt zu entkommen und modern wie auch großzügig zu bauen. Von dieser Entwicklung wurde auch das gesamte Schulwesen erfasst. Alle Volksschulen mit Ausnahme der katholischen Schule am Flesgentor (Martinischule), die katholische Marienschule, das Lyzeum und das Jungengymnasium bezogen neu errichtete Gebäude im ehemaligen Festungsbereich: Das Oberlyzeum am Brüner-Tor-Platz (1899), die jüdische Volksschule am Willibrordiplatz (1900), die katholische Marienschule an der Komturstraße (1905), die katholische Schule am Hansaring (Januar 1912), das Gymnasium am Herzogenring (April 1912) sowie – im Oktober 1912 – die evangelische Schule an der Böhlstraße. Nur die katholische Martinischule blieb in der Stadt; sie zog im Oktober 1913 ins ehemalige Gymnasium (Pergamentschule).

Die evangelische Volksschule befand sich seit 1837 an der Ecke Kreuz-/Brandstraße neben der Mathenakirche. Sie war die größte Volksschule in Wesel, hatte zuletzt 17 Klassen und gut 100 Schüler mehr als die nächstgrößere katholische Schule an der Sandstraße. 1908 beschloss die Stadtvertretung den Bau einer neuen Schule zwischen Mölderplatz und Böhlstraße. Da die Schule direkt auf eine Bastion der Festungsanlagen gebaut werden sollte, musste das Baugelände vorbereitet werden. Baubeginn war Ende Juli 1910. Die Fundierungsarbeiten gestalteten sich schwieriger als erwartet. Zudem mussten etwa 1.800 cbm Festungsmauerwerk gesprengt werden. Die umfangreichen, gewaltigen Erdarbeiten, die notwendig waren, um die Gegend entsprechend zu nivellieren, dauerten auch nach der Inbetriebnahme der Schule noch an.

Die Böhlschule im Bau (1911)

Die Arbeiten an der neuen Schule, der größten in Wesel, dauerten mehr als zwei Jahre. Das neue Gebäude hatte 20 Klassenzimmer, einen Zeichensaal, einen Raum für handwerklichen Unterricht, je ein Rektor-, Lehrer- und Lehrerinnenzimmer, mehrere Sammlungszimmer, ein Schulbad sowie eine Hausmeisterwohnung.

Böhlschule nach ihrer Fertigstellung

Am 23. Oktober 1912 wurde die neue Volksschule mit einer Einweihungsfeier in der Städtischen Turnhalle an der Neustraße seiner neuen Bestimmung übergeben. Zuvor waren die Lehrer mit den Schulkindern von der alten Schule durch die Stadt zur Böhlschule gezogen. Die gesamte Lehrerschaft, die Schulkinder sowie zahlreiche geladenen Gäste feierten nicht nur den Bezug der neuen Schule, sondern zugleich den Abschluss des Schulbauprogrammes in Wesel. Stadtbaurat Klemens Kocks übergab die Schule an Bürgermeister Ludwig Poppelbaum und „wünschte, daß Gottes Gunst herabstrahlen möge auf das neue Schulhaus, daß in demselben ein kernfrisches, deutsches Geschlecht heranwachse, dann würden auch die großen Opfer, die Wesel gebracht habe, reichen Lohn finden“. Poppelbaum wiederum übergab nach einer kurzen Ansprache die Schule an den Rektor, Wilhelm Grube. Dieser bedankte sich für den so schön geformten „neuen Tempel des Unterrichts und Erziehung“ und sah es als Verpflichtung für sich und sein Kollegium, diesem Haus ohne Seele „mit unserer Kunst und Wissenschaft den Geist einzubauen, um der leblosen Masse den lebendigen Odem einzuhauchen.“ Nach einigen Grußworten, einem Festspiel der Kinder, Ordensverleihungen und Liedbeiträgen endete die Feier. Danach boten die Kinder Freiübungen auf dem neuen Schulhof dar; die Festgäste besichtigten das neue Gebäude und trafen sich anschließend im Evangelischen Gemeindehaus, dem größten Versammlungsort in der Stadt, zu einem von der Stadt ausgerichteten Frühstück.

Die alte Schule neben der Mathenakirche übernahm die Stadt, die 1913/14 in das nun „Stadthaus“ genannte Gebäude Teile der Stadtverwaltung verlegte. Von 1923 bis 1945 schließlich war sie Domizil der städtischen Sparkasse.

Zerstörte Schule (1947)

Die Böhlschule wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges zwar schwer beschädigt, konnte aber bereits Ende Mai 1948, wenn auch eingeschränkt, in drei Klassenräumen wieder den Schulbetrieb aufnehmen. Die Schulreform der 1960er Jahre beendete für die Böhlschule die Volksschulzeit; sie wurde zur Grundschule. Heute beherbergt sie die städtische Gemeinschaftsgrundschule.

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