Stichtag: 24. September 1978 - Die Weseler Chemikerin Ida Noddack verstirbt

In einer Zeit, in der gymnasiale Frauenbildung und das Frauenstudium noch nicht selbstverständlich waren, setzte sich eine intelligente, willensstarke und durchsetzungsfähige Frau aus Wesel durch und machte sich in einer von Männern dominierten Fachwelt als Naturwissenschaftlerin einen Namen – Ida Noddack.

Ida Tacke (links) mit Mutter

Am 23. Februar 1896 wurde in Lackhausen, heute Wesel, Ida Tacke geboren. Sie war die dritte Tochter des katholischen Lackfabrikanten Albert Tacke und seiner Frau Hedwig Danner. Sie hatte drei Schwestern sowie zwei jüngere Brüder und zeigte schon früh Interesse für die Natur und die Naturwissenschaften. Der Vater schickte sie in Wesel auf eine private Töchterschule, an der keine allgemeine Hochschulberechtigung erworben werden konnte. In Wesel konnten Frauen erst ab 1927 das Abitur machen. Als ihr Vater erzählte, dass Preußen 1908 Frauen zum Hochschulstudium zuließ, wollte Ida studieren. 1912 verließ sie Wesel, um am St.-Ursula-Gymnasium in Aachen, einem Realgymnasium, ihr Abitur zu machen. Nach bestandenem Abitur schrieb sie sich 1915 an der Technischen Hochschule Berlin ein, um Chemie zu studieren und um anschließend in das väterliche Unternehmen als Lackchemikerin einzusteigen. Sie promovierte 1921 zum Dr. Ing. mit einer Arbeit – sicher in Vorbereitung auf ihre gedachte Tätigkeit in Wesel – mit einem Problem der Lackchemie. Zur Enttäuschung ihres Vaters kehrte sie nicht zurück, sondern blieb in Berlin, wo sie inzwischen ihren späteren Ehemann, den Chemiker Walter Noddack, kennen gelernt hatte. Sie nahm eine Stelle bei der AEG in Berlin an und arbeitete abends im Labor der Universität zusammen mit Walter Noddack. Gemeinsam suchten sie nach den im Periodensystem der Elemente noch fehlenden Elementen 43 und 75. Eine Heirat mit Noddack fand – auch aus konfessionellen Gründen – erst am 20. Mai 1926 in Berlin statt.

1922 gab Ida ihre Tätigkeit bei der AEG auf, um gemeinsam mit Noddack, der mittlerweile als Regierungsrat an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt arbeitete, als Gastwissenschaftlerin zu forschen. Sie entdeckten die gesuchten Elemente, die sie nach ihrer jeweiligen Herkunftsregion benannten, Rhenium (Element 75) und Masurium (Element 43). Die Entdeckung wurde 1925 bekanntgegeben. Die Entdeckung des Masuriums wurde längere Zeit angezweifelt, erst 1937 künstlich dargestellt und 1947 in Technetium umbenannt.

Ida Noddack nahm keine ihren Leistungen angemessenen Stellung an, sondern begleitete ihren Mann als engste Mitarbeiterin in seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die beide an die Universitäten Freiburg, Straßburg und Bamberg führte. Ihr sehnlicher Wunsch nach Kindern erfüllte sich nicht. Sie war sehr familiär, musisch interessiert, sportlich, fuhr Ski und tanzte gern.

Das Ehepaar Walter und Ida Noddack im Labor der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt Berlin

Die wissenschaftlichen Leistungen der Noddacks umfassten neben der Entdeckung von Elementen auch bahnbrechende Ergebnisse in der Photo- und Geochemie sowie der Analytik. Beispiele hierfür sind der Kohlenstoffkreislauf, die Sehfarbstoffe des menschlichen Auges, Nierensteine und deren Auflösung sowie die 1938 formulierte Theorie der "Allgegenwart der chemischen Elemente". Durch ihre Untersuchungen von Meteoriten zählt Ida Noddack auch zu den Initiatorinnen der Kosmochemie. 1934 zweifelte sie in einem Beitrag die Ergebnisse Enrico Fermis an, der Uran mit Neutronen beschossen hatte, um per Kernumwandlung Transurane zu gewinnen, und vermutete, dass eine bis dahin nicht für möglich gehaltene Kernspaltung stattgefunden hat. Sie verfolgte ihre richtige Annahme jedoch nicht weiter.

Das Forscherehepaar erhielt zahlreiche Auszeichnungen für ihre wissenschaftliche Tätigkeit, darunter 1931 die Liebig-Gedenkmünze der Gesellschaft Deutscher Chemiker, die bislang nur an eine Frau – eben Ida – vergeben wurde. Der Nobelpreis, für den beide zwischen 1932 und 1937 zehnmal vorgeschlagen wurden, blieb ihnen versagt.

Ida Noddack blieb auch nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1960 der Forschung aktiv verbunden. Sie zog 1970 nach Bad Neuenahr, wo sie am 24. September 1978 starb. Ihre Urne wurde auf dem Grab ihres Mannes in Bamberg beigesetzt.
Im Jahr 2012 wurde eine Büste von Ida Noddack in der nach ihr benannten Straße in Lackhausen enthüllt. An ihrem Elternhaus erinnert eine Gedenkplatte an die Chemikerin.

 

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