Stichtag: 26. Februar 1954 - Der Schwarze Tag des Wiederaufbaus in Wesel

Das erste Weseler Kaufhaus - Hansa - wurde 1953/54 an der Ecke Hohe Straße/Berliner-Tor-Platz errichtet. Bauherr war der Weseler Kaufmann Hermann Reuther. Gebaut wurde das viergeschossige Gebäude vom Bauunternehmen Carl Termier. Am 26. Februar 1954, zwei Tage, nachdem die Decke des dritten Obergeschosses gegossen worden war, ereignete sich gegen 10.45 Uhr ein folgenschweres Unglück. Mit lautem, weithin hörbarem Krachen stürzten die Giebelwand an der Hohen Straße sowie teilweise die Decken des ersten und zweiten Geschosses ein und begruben zahlreiche Handwerker unter sich. Über dem Unglücksort stand eine weithin sichtbare Staubwolke. In der allgemeinen Verwirrung ließ sich nicht mehr feststellen, wie viele Arbeiter sich am Unglücksort befunden hatten. Die freiwillige Feuerwehr, der zahlreiche Bauhandwerker angehörten, traf sehr schnell am Unglücksort ein. Einige Leicht- sowie fünf Schwerverletzte konnten nach kurzer Zeit geborgen werden und wurden ins Marienhospital gebracht. Dort starben noch am Nachmittag zwei der Schwerverletzten, der Maurer Theodor Gramm und der Bauhelfer Werner Zimmermann. Gegen halb zwölf wurde ein Arbeiter unverletzt befreit. Zwei noch vermisste Bauleute, Max Berg und Erwin Peschke, konnten um 15 Uhr nur noch tot aus den Trümmern gezogen werden. Um zu ihnen zu gelangen, musste meterhoher Schutt unter dem Einsatz von Schneidbrennern und Presslufthämmern entfernt werden.

Rettungsarbeiten

Das Unglück zog sofort natürlich zahlreiche Schaulustige an, da sich die Nachricht vom Einsturz des Rohbaus in Windeseile in der Stadt verbreitete. Das unfassbare Ereignis berührte angesichts der Toten und Verletzten die Menschen in der Stadt. Für die so genannten Wiederaufbauopfer flaggte die Stadt zur Beerdigung Halbmast und bat auch um Zurückhaltung für den anstehenden Karneval. In der Öffentlichkeit, auf den Straßen, fand der Karneval in Wesel 1954 nicht statt. Die drei aus Wesel stammenden Toten wurden am Karnelvalsdienstag unter großer Anteilnahme bei dichtem Schneetreiben beigesetzt, der vierte am Tag darauf in Haldern.

Über die Ursache des Unglücks, das bundesweit für Aufsehen sorgte, wurde heftig spekuliert. Untersuchungen von Fachleuten förderten ziemliche Schlampereien zutage. Der Beton war von minderer Qualität, es wurden an entscheidender Stelle falsche Steine verwendet, die Pfeiler der Frontwand waren überlastet und die Baupläne nicht sorgfältig geführt. Die vier Decken waren allesamt im Winter gegossen worden, wobei dieser mit längeren Dauerfrostperioden ausgesprochen kalt war.

Die fehlerhaft konstruierten Pfeiler der Frontwand im ersten Obergeschoss versagten, so dass die Decke einbrach und die Außenwände der beiden darüber liegenden Geschosse absanken. Die beiden oberen Decken brachen über der Mittelabstützung. Die Notstützen im ersten Obergeschoss zerbrachen und die Decke des ersten Obergeschosses klappte bis zur Mittelwand herunter. Die beiden darüber befindlichen Decken brachen ab und rutschten herunter. Die Trümmer landeten im Wesentlichen auf der Erdgeschossdecke, die standhielt, und kaum auf der belebten Straße, wo niemand zu Schaden kam.

Rettungsarbeiten

Das Unglück hatte auch ein gerichtliches Nachspiel. Vor dem Duisburger Landgericht mussten sich sechs Personen wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Verurteilt wurden im Februar 1956 vier Personen: der Architekt, der Statiker, der Prüfungsbeamte der städtischen Bauaufsicht und der Bauführer. Sie erhielten eine geringfügige Haftstrafe, ausgesetzt zur Bewährung.

Das Hansa-Kaufhaus wurde noch im Jahre 1954 fertig. Die Eröffnung am 18. September 1954 feierte man mit Rücksicht auf die Toten in einem bescheideneren Maße als geplant. An das Kaufhaus wie auch an das Unglück erinnert heute nichts mehr. Es schloss am 31. März 2001 seine Pforten, wurde 2006 abgebrochen und durch ein modernes Geschäftshaus ersetzt.

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