Stichtag: 26. Juni 1628 - Die Willibrordi-Kirche wird von Katholiken gewaltsam in Besitz genommen

Am Morgen des 24. Juni 1628 tagte der Weseler Rat, als eine bedrohliche Nachricht eintraf, die eine sofortige Unterbrechung der Sitzung bis zum Nachmittag zur Folge hatte und den Stadtschreiber in den Ratsprotokollen zum Randvermerk „Schmerzenstag“ (dies doloris) veranlasste. In der Nacht zuvor war Johann Heinrich Schall von Bell, Kämmerer, Rat und Gesandter des Fürsten Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg in Dinslaken eingetroffen, um am nächsten Morgen nach Wesel weiterzuziehen. Er hatte den Auftrag, den Befehl seines Fürsten auf Herausgabe der beiden – reformierten – Pfarrkirchen zugunsten des aus dem heutigen Belgien stammenden Prämonstratenser-Abtes Johann Fraisinne zu vollstrecken.

Der katholische Pfalz-Neuburger stritt mit dem reformierten Kurfürsten von Brandenburg um das jülisch-klevische Erbe. Sie regierten als sogenannte possidierende Fürsten seit dem Vertrag von Xanten (12. November 1614) die ihnen zugesprochenen Landesteile von Düsseldorf bzw. Kleve aus, trachteten aber jeder für sich nach alleiniger Herrschaft über das gesamte Territorium. Wesel war seit dem 5. September 1614 von spanischen Truppen besetzt. Die katholischen Spanier, Verbündete von Wolfgang Wilhelm, kämpften im Achtzigjährigen Krieg (1568–1648) gegen die abtrünnigen niederländischen Provinzen, die reformierten Generalstaaten der Niederlande, deren wiederum Verbündeter der brandenburgische Kurfürst war.

Der Gesandte trug unmissverständlich seinen Befehl vor: Die beiden Kirchen sind samt ihren Renten und Einnahmen am nächsten Morgen dem Prämonstratenserorden, d.h. Johann Fraisinne, zu übergeben. Sollte die Stadt die Herausgabe der Kirchenschlüssel verweigern, würde eine Strafe von 5.000 Gulden fällig und die Kirchentüren würden aufgebrochen. Der spanische Gouverneur in Wesel hätte auch entsprechende Order von der Infantin in Brüssel; damit waren die bei der Kapitulation 1614 mit den Spaniern ausgehandelten Bedingungen hinfällig. Die von Wolfgang Wilhelm – einem ehemaligen Lutheraner – gut vorbereitete Aktion war Teil der Maßnahmen, mit denen er seine Lande zu rekatholisieren versuchte. Natürlich verweigerte der Magistrat, nach eingehender Beratung, die Herausgabe der Schlüssel und schrieb Gesuche an den Pfalz-Neuburger wie auch an die Infantin, die unbeantwortet blieben.

zeitgenössische Darstellung der gewaltsamen Öffnung der Willibrordikirche d durch Anthon, den Messermacher aus Xanten

Am 26. Juni 1628 erschien der Abt mit einer Prozession, um die Willibrordikirche feierlich in Besitz zu nehmen. Ein mitgebrachter Messerschmied aus Xanten namens Anthon brach die Tür an der Nordseite und dann weitere Türen auf, damit die mit Fahnen, Kreuzen, Baldachin und Monstranz vor der Kirche wartenden Leute einziehen konnten. Fraisinne war bereits im Juli 1627 nach Wesel gekommen, hatte das vormalige Prämonstratenserinnenkloster und nunmehrige freiadlige Jungfrauenstift Oberndorf in Besitz genommen, die Insassen vertrieben und sich am 29. Oktober 1627 als Pastor von Willibrord einsetzen lassen, was am 27. November 1627 das Stift Xanten bestätigte.

Die Mathenakirche wurde am 27. Juni 1628 gewaltsam mit Hilfe des Xantener Messerschmiedes angeeignet. Die französische Kirche im aufgelassenen Schwesternhaus Mariengarden, in der die wallonisch-reformierte Gemeinde ihre Gottesdienste abhielt, wurde ebenfalls weggenommen. Alle Pfarrhäuser mussten binnen vier Stunden geräumt werden; bei Zuwiderhandlung drohte eine Strafe von 1.000 Gulden. Die Kirchen wie auch ihre Kirchhöfe durften von den Reformierten nicht mehr als Begräbnisstätten benutzt werden. Der Abt verlangte nicht nur die Übergabe des Kirchenvermögens, sondern auch die ehemaligen Vikarieneinkünfte, die mittlerweile überwiegend zur Finanzierung des Gymnasiums dienten.

Das Gymnasium wurde nicht angetastet; dafür übernahmen die Katholiken die Pfarrschule auf der Mathena und warfen die beiden reformierten Lehrer hinaus.

Die Reformierten konnten ihre Gottesdienste nur noch auf dem Rathaus und im neuen Gasthaus, dem Hohen Haus, abhalten, was sie seit dem 28. Juni 1628 auch taten. Die Gebäude waren natürlich viel zu klein, so dass ein Teil der Gläubigen während der Gottesdienste im Freien stand.

Die Rekatholisierung Wesels endete am 19. August 1629, als niederländische Truppen unter Otto von Gent in die Stadt eindrangen und diese im Handstreich nahmen. Wesel hatte zwar wieder eine fremde, bedrückende Besatzung, aber die Reformierten bekamen ihre Kirchen und alten Besitzstände zurück – und gingen nun ihrerseits massiv gegen die verbliebenen Katholiken vor.

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