Stichtag: 28. Januar 1946 - Bergung der Weseler Prunkpokale

Die Weseler Prunkpokale; neuere Aufnahme

Am 21. September 1944, während der Operation „Market Garden", durch die die Alliierten den Rhein in Arnheim überschreiten wollten, und noch vor der Zerstörung von Kleve und Emmerich, ließ die Weseler Stadtverwaltung auf dem Friedhof an der Caspar-Baur-Straße die berühmten Geusenbecher und fünf andere in städtischem Besitz befindliche Becher und Pokale in einem Sarg beerdigen.
Man hatte Angst, dass der doch bedrohlich nahegekommene Krieg diese Gegenstände vernichten könnte. Viel Vertrauen schienen die Stadtoberen nicht mehr ihren eigenen Truppen zu schenken, konnten diese doch just am 21. September die Brücke in Arnheim zurückerobern.

Das Grab wurde mit einem Grabkreuz gekennzeichnet. Der Name des Verstorbenen wurde mit „Gilles Sibricht" angegeben; so hieß der Kölner Goldschmied, der 1578 die beiden Prunkpokale schuf. Im Friedhofsregister heißt es: Gilles Sibricht, Soldat, gefallen auf dem nahen Kriegsschauplatz. Das Begräbnis wurde in einer Urkunde festgehalten, die auch genau über den Inhalt des Sarges informierte und in einer in einem Behältnis verschlossenen Ausfertigung dem Stadtoberinspektor August Lisner übergeben wurde. Die andere Ausfertigung nahm Bürgermeister Otto Borgers an sich. Ebenfalls eingeweiht waren der Beigeordnete Hans Kampen sowie der Gartenarchitekt Wilhelm Sardemann.
Im Übrigen ergriff man ansonsten erst im Oktober 1944 Maßnahmen, die vor allem das Schriftgut sicherstellen sollten. Der Kreis Rees organisierte einen Sammeltransport, der 16 Kisten städtisches Schriftgut enthielt. Darunter waren auch sechs Kisten mit Zimelien des Stadtarchivs sowie eine der Stadtbücherei. Das Gros des Archivguts verblieb ebenso in der Stadt - in der Genter-Seminaristen-Kasematte im Haupttorgebäude - wie der städtische Kunstbesitz.

Die Weseler Pokale im Sarg. Inszenierung in der Ausstellung „Schutt und Asche“ in Wesel 1995

Die an dieser seltsamen Beerdigung Beteiligten schwiegen auch nach dem Ende des Krieges. Erst im Januar 1946 meldete sich der Friedhofsgärtner Sardemann beim Stadtdirektor Wilhelm Groos und erzählte ihm die Geschichte. Er brach sein Schweigen, weil er um die Sicherheit des vergrabenen Kunstschatzes fürchtete. Sardemann hatte dahingehende Gerüchte in der Bevölkerung gehört und sich deshalb vertrauensvoll an Groos gewandt. Der wiederum fragte Landrat Dr. Theodor Schneemann, welcher zur Bergung riet.

Am 28. Januar versammelten sich der Stadtdirektor, Bürgermeister Dr. Anton Ebert, Dr. Helmut Rotthauwe gen. Löns als Vertreter des Landrats, der Stadtverordnete Hans Spindler sowie die an der fingierten Beerdigung beteiligten Sardemann und Lisner. Letzterer hatte den Behälter mit der Urkunde bereits überreicht; der Behälter wurde geöffnet und die Urkunde verlesen. Danach beschlossen sie, unverzüglich die Kunstschätze auszugraben - ohne die britische Militärbehörde zu unterrichten - und die Angelegenheit erst einmal nicht öffentlich zu machen. Sie begaben sich in der Dämmerung auf den Friedhof; zwei standen Schmiere, während die anderen das Grab des Gilles Sibricht öffneten. Sie entnahmen die Pokale und Becher, wickelten sie in Tücher und brachten sie zur Wohnung des Stadtdirektors. Dort wurden sie unter dem Ehebett deponiert, wovon die Ehefrau nichts wusste. Am nächsten Morgen packte Groos alles in eine Tasche und fuhr in einem Dienstwagen mit Lisner nach Duisburg, um die Gegenstände dort im Tresor der Sparkasse sicherzustellen, wo sie bis zum August 1950 verblieben. Die Fahrt über die heutige B8 war wegen schlechter Bereifung und vereister Straßen gefährlich. Weniger gefährlich waren die britischen Kontrollen. Man kannte den Weseler Stadtdirektor und vormaligen Bürgermeister und winkte ihn einfach durch.

Die Presse erfuhr tatsächlich erst einige Monate später von dem Coup und bauschte die Kunstgegenstände entsprechend zum „Nibelungenhort" oder „Millionenschatz" auf. Für zwei der Beteiligten hatte die Angelegenheit noch ein Nachspiel. Lisner und Sardemann wurden für ihr Verhalten getadelt, weil sie sich nach ihrer Wiedereinstellung nicht sofort ihrem Dienstherrn offenbart hatten.

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