Stichtag: 30. August 1813 - Die ersten Genter Seminaristen kommen nach Wesel

Der Klerus der Diözese Gent in Flandern ignorierte den am 15. April 1813 von Napoleon eingesetzten Bischof und hielt stattdessen dem vom Kaiser 1811 inhaftierten und zur Abdankung gezwungenen Vorgänger die Treue. Auch die Insassen des Priesterseminars in Gent verweigerten mehrheitlich und demonstrativ den Gehorsam, so dass der neue Bischof das Seminar umgehend schloss und die entlassenen Seminaristen in die Aushebungslisten für die Armee einschrieben ließ. Theologiestudenten waren damals vom Militärdienst befreit. Als der in Dresden weilende Napoleon von den Vorgängen hörte, ordnete er an, die jüngeren Studenten in französische Priesterseminare zu stecken und die übrigen als Refraktäre zu behandeln – als Wehrpflichtige, die sich der Aushebung oder Gestellung entzogen. Sie sollten umgehend nach Wesel und dann Magdeburg überstellt werden.

Die Seminaristen wurden in zwei Gruppen nach Wesel geführt. Am 30. August 1813 erreichten 73 Studenten aus Gent den Niederrhein, zwei Tage später 56 aus Brügge. Bis zum 8. September trafen insgesamt 148 Personen ein. Sie wurden dem Refraktär-Bataillon zugewiesen, mussten in der verschlossenen Zitadelle übernachten und warteten auf ihren Transport nach Magdeburg. Dieser kam aufgrund der angespannten Kriegslage nicht mehr zustande.

Treffen der überlebenden Seminaristen zum 50. Jahrestag der Verschleppung in Gent 1863

In welchen Kasematten der Zitadelle die Seminaristen untergebracht waren, ist nicht mehr zu ermitteln. Die hygienischen Zustände waren ebenso katastrophal wie die Ernährung. Die militärische Führung in der Etappenstadt Wesel war desolat; das änderte sich erst mit General Merle, der im September kam und General Bourke, der nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig zusammen mit fähigen Offizieren nach Wesel entsandt wurde, um die Festung verteidigungsbereit zu machen.

In Wesel grassierte seit September 1813 die Ruhr, eine Durchfallerkrankung, und Scharlach, denen innerhalb von zwei Monaten mehr als 1.000 Menschen zum Opfer fielen. Auch unter den Seminaristen gab es zahlreiche Kranke, von denen der erste bereits am 19. September verstarb. Bis zum Monatsende waren drei weitere tot, die in Wesel feierlich und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt wurden. Anfangs konnten die Kranken teilweise bei Weseler Bürgern in Pflege gegeben werden. Als sich herausstellte, dass Ansteckungsgefahr bestand und es dadurch schon Tote gegeben hatte, mussten die kranken Genter ins Militärhospital, damals eher ein Vorhof der Hölle denn ein Krankenhaus. Dort wurden sie freiwillig von ihren Kameraden betreut, die Sterbebegleitung praktizierten und die Sterbesakramente spendeten. Bis zum Jahresende 1813 starben 29 von ihnen in Wesel, insgesamt waren es bis Mai 1814 34 Mann.

Die Seminaristen, die überwiegend Priester werden wollten, agierten in der Stadt als Gruppe mit einem starken, religiös geprägten Zusammenhalt, die durch Solidarität, Fürsorge und Nächstenliebe die Mitmenschen beeindruckte und seit ihrer Ankunft aktiv durch die beiden katholischen Pfarrer unterstützt wurden.

Die Niederlage Napoleons in Leipzig verbesserte die Situation der Genter erheblich. Die Festung Wesel musste verteidigt werden, wozu jeder Mann gebraucht wurde; die Refraktäre wurden in die aktive Truppe eingegliedert. Sie waren nun vollwertige Soldaten, besser bezahlt und vor allem besser untergebracht. Sie dienten nun als Kanoniere bei der Artillerie. Solange die Festung nicht vollständig von alliierten Soldaten eingeschlossen war, konnten einige Seminaristen regulär Wesel verlassen. Sie wurden nach Antwerpen abkommandiert bzw. kamen in das Militärhospital Roermond. Zwischen dem 19. November 1813 und dem 6. Mai 1814 desertierten 48 von ihnen; sie kamen allesamt heil nach Flandern.

Die Festung Wesel kapitulierte erst im Mai 1814. Am 8. Mai zogen die Franzosen ab. Eine Stunde vor ihnen verließen 38 Seminaristen Wesel. Sie galten nun nicht mehr als Militärs, sondern als Staatsgefangene, die nun frei waren. Bei ihrer Rückkehr in Gent am 18. Mai wurden sie von der Bevölkerung begeistert empfangen.

Das Schicksal der Seminaristen war in der Diözese Gent schon während der Weseler Zeit sehr präsent. Es gab einen regen Austausch zwischen Gent und Wesel; Berichte aus Wesel wurden in Belgien verbreitet, wo man die Seminaristen bald als Glaubenskämpfer und Patrioten verehrte. Ihr Schicksal ist bis heute Teil des kollektiven Gedächtnisses ihrer Heimat. In Wesel indes war diese Episode der Befreiungskriege längst vergessen, als zum 100. Jahrestag der Verschleppung auf Initiative des Genter Bischofs wie auch der Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt auf dem Friedhof an der Caspar-Baur-Straße, auf dem 34 Studenten beerdigt worden waren, ein Denkmal eingeweiht wurde. Es ist ein Zeugnis dankbarer Erinnerung sowohl an die Verstorbenen wie auch an die hilfsbereite Weseler Bevölkerung.

In der Vorhalle der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt erinnert eine Gedenktafel an die von hier betreuten Genter. Nachdem zum 150. Jahrestag die Stadt Wesel eine von Felix Richard verfasste Schrift über sie herausgegeben hatte, veranlasste der Genter Bischof Karel-Justinus Calewaert, der auch ein Vorwort schrieb und zur Gedenkfeier am Denkmal in Wesel erschien, die Anbringung einer weiteren Gedenktafel. Sie wurde über einer Kasematte im Haupttor der Zitadelle angebracht und am 17. Oktober 1966 feierlich eingeweiht. Der heute als Genter-Seminaristen-Kasematte bezeichnete Raum war allerdings nur ein möglicher, kein gesicherter Aufenthaltsort der Verschleppten und wurde nur stellvertretend für die vormals zahlreich vorhandenen Kasematten als Erinnerungsort gekennzeichnet.

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