Stichtag: Die Fotografin Hilde Löhr – Vermittlerin zwischen Objekt und Kamera

Hilde Löhr (um 1950)

Südseite des Großen Marktes (Rathauszeile)

Im Haus Wallstraße 773/3, später Wallstraße 6, wurde am 11. September 1897 Hildegard Emma Johanna Löhr, Tochter des Wagenfabrikanten August Löhr und seiner Ehefrau Friederike Henriette Hohl, geboren. Ab Ostern 1907 besuchte sie das Städtische Lyzeum Wesel, das sie im Januar 1912 krankheitshalber verlassen musste. Die künstlerisch ambitionierte junge Frau wollte gerne Malerin oder Schauspielerin werden, konnte sich damit aber nicht bei ihren Eltern durchsetzen. Die eher handwerklich orientierte Ausbildung zur Fotografin wurde hingegen akzeptiert. Der angestrebte Beruf kam auch ihrem Interesse an der Chemie zugute, da damals in der Fotografie nicht nur selbst entwickelt, sondern auch noch sehr viel experimentiert wurde. Hilde Löhr volontierte beim Weseler Fotografen Gustav Sonntag, einem Sohn des Malers Ernst August Sonntag. Nach dessen frühen Tod im April 1919 bewarb sie sich beim renommierten Kölner Fotografen August Sander, bei dem sie von 1921 bis 1923 in die Lehre ging und dessen Sichtweise der Fotografie übernahm: Weg von der noch „üblichen Nachahmung stimmungsvoller Malerei“ hin zur ungezwungenen, natürlichen Abbildung der Menschen. Anschließend arbeitete sie in Berlin als Assistentin im Atelier des nicht minder bekannten Nicola Perscheid. Nachdem sie auch noch zwei Jahre erfolgreich in der Schweiz gearbeitet hatte, kehrte sie 1930 nach Wesel zurück und eröffnete ihr eigenes Fotoatelier im Elternhaus an der Wallstraße. Hilde Löhr war ehrgeizig und aufgrund ihrer gründlichen Ausbildung handwerklich sehr versiert. Ihre Arbeit dieser Zeit hat, neben den Porträts und Landschaftsaufnahmen, vor allem dokumentarischen Wert: Bis 1940 fotografierte sie – häufig auch im Auftrag der Stadt – ihre am Ende des Zweiten Weltkriegs vollständig zerstörte Heimatstadt; erinnert sei hier nur an die zahlreichen Fotos vom gotischen Rathaus oder von der frisch renovierten Komturei. Natürlich gehörte sie auch zu den frühen Mitgliedern der 1934 in Wesel gegründeten und sehr aktiven Vereinigung Niederrheinischer Künstler und Kunstfreunde.

Panorama Hohe Straße (um 1950)

Im Jahre 1940 ging Hilde Löhr zurück nach Berlin. Sie fotografierte dort für die Landesbildstelle Mark Brandenburg Landschaft und Baudenkmäler sowie für ein Psychologisches Institut. 1946 kehrte sie ziemlich abgerissen aus Berlin zurück. Sie wollte eigentlich so schnell wie möglich wieder nach Berlin, blieb dann aber, weil in Wesel eine Existenzgründung günstiger war. Sie baute 1953 ihr Elternhaus an der Wallstraße/Ecke Brandstraße wieder auf, richtete dort ihr Atelier ein und arbeitete insbesondere für die Industrie. Auch die Stadt Wesel engagierte sie seit den späten 1940er Jahren oft. So fertigte sie in Jahresabständen die bekannten Panoramen vom Wasserturm, erstellte die Fotografien für die Wesel-Ausstellung in Hagerstown 1954 und dokumentierte ihre wiedererstandene Stadt. Sie gehörte zu den frühen Mitgliedern der in Düsseldorf ansässigen Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Nordrhein-Westfalen.

Bis in die 1970er Jahre war die Fotografin beruflich tätig. Ihren Ruhestand verbrachte sie in ihrem Haus in Wesel und seit 1990 in einem Altenheim in Xanten. Hilde Löhr, die sich selbst als „Vermittlerin zwischen Objekt und Kamera“ bezeichnete, starb kurz nach ihrem 101. Geburtstag am 29. September 1998 in Xanten. 2002 wurde in Schepersfeld eine Straße nach ihr benannt.

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