Stichtag: Wanderungen eines Giebelfrieses

Die Festungseigenschaft Wesels endete 1886. Die Stadt konnte endlich große Teile des aufgehobenen Festungsgeländes erwerben und begann unmittelbar nach dem Kauf im Jahre 1889, die neu gewonnenen Flächen herzurichten und die Stadttore zu beseitigen.  Rheintor und Brüner Tor fielen komplett der Spitzhacke zum Opfer, das Berliner Tor verlor die Arkadengänge, blieb aber ansonsten erhalten, und beim Klever Tor entschied man, das Giebelfries sowie die Bogenschlusssteine mit den Masken zu retten und bei einem der neuen Kasernenbauten an repräsentativer Stelle wieder einzusetzen.

Das Klever Tor vor 1890

Das Klever Tor stand – aus heutiger Sicht – hinter dem Rathaus vor der Fluthgrafstraße. Über dem Durchlass war auf der Stadtseite der Fries angebracht. Dieser war 1700 von einem unbekannten Künstler erstellt worden und zeigt eine Verherrlichung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., der das Kunstwerk auch in Auftrag gab.

Zu den Teilen der niedergelegten Festung, die sich die Militärverwaltung vorbehielt, gehörte auch das Areal zwischen Herzogenring, Martini-, Fluthgraf- und Korbmacherstraße. Hierauf entstand bis 1897 die Kaserne des Feldartillerie-Regimentes 43. Am Eingang an der Fluthgrafstraße wurde ein Wachgebäude errichtet.Ihm vorgesetzt wurde eine dem Klever Tor nachempfundene Vorhalle mit dem geborgenen Fries, der also um 50 Meter nach Norden verlegt und um 90 Grad gedreht wurde.

Das zerstörte Wachgebäude 1946

Das Wachgebäude überstand die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges leidlich; der Portikus wurde nur leicht beschädigt. Die übrigen Kasernengebäude hatte es schwerer getroffen. Das Gelände ging nach längeren Verhandlungen an die Stadt Wesel über, die es dringend als Ausgleichsfläche für die Umlegung benötigte. Auf einen Teil des Areals wurde die Pfarrgemeinde St. Martini verlegt; die übrige Fläche sollte für Schulbauten genutzt werden. Bis auf den Portikus des Wachgebäudes wurden alle Trümmer der Kaserne schnell beseitigt. Mit der Errichtung der Realschule Mitte neben dem Portikus 1961 waren auch dessen Tage gezählt.

Am 24. Mai 1961 begannen die Abbrucharbeiten an der mittlerweile auch einsturzgefährdeten Ruine. Nur der Giebelfries wurde in 19 Steine zerlegt und zur weiteren Verwendung zusammen mit den Maskensteinen in einem Keller des Bühnenhauses eingelagert. Die Stadt wollte ihn beim Bau eines Kulturgebäudes für Bücherei, Museum und Archiv wieder verwenden. Der Rest der Vorhalle wurde abgebrochen und verkippt. In einem Schlussstein entdeckten Bauarbeiter am 14. Juni, nach Abtragung des Frieses, eine Zinkkassette mit zahlreichen Dokumenten und Münzen, die von den Erbauern dort eingelagert worden waren. Am 4. Juli kam ein weiteres Behältnis, das neben Zeitungen auch andere Zeugnisse aus dem Jahre 1897 – ein Adressbuch sowie ein Wohnplatzverzeichnis der Offiziere – enthielt, aus dem Boden der Vorhalle ans Tageslicht.

Restaurierter Giebel im Rathausdurchgang

Nach zwölf Jahren wurde die noch vorhanden 17 Steine zum Bauhof des Willibrordi-Domes gebracht und restauriert. Die fehlenden Steine wurden rekonstruiert und die Fassung des Frieses komplett erneuert. 1975 baute man ihn nicht, wie ursprünglich gedacht, am neuen Centrum am Kornmarkt, sondern im Durchgang des neuen Rathauses zum Innenhof hin auf sechs kurzen Sichtbetonkonsolen wieder auf. Die drei Maskensteine erhielten einen neuen Platz auf der gegenüberliegenden Seite. Der neue Standort ist ebenfalls nur wenige Meter vom ehemaligen Klever Tor entfernt. Das Fries zeigt nun nach Osten und hat zudem die ursprüngliche Höhe von etwa acht Metern verloren. Die Betrachtungsperspektive stimmt somit nicht mehr, was den Verantwortlichen bei der Aufstellung auch bewusst war. Einen dem Kunstwerk angemessenen endgültigen Standort hat man allerdings bis heute nicht gefunden.

Links